Blog

Wie kann bedürfnisorientierte Elternschaft gelingen?

von Jasmin Zahedi

Wie Du bestimmt beim Lesen unse­rer ande­ren Texte auf die­sem Blog oder beim Anhören unse­res Podcasts schon gemerkt hast, ver­tre­ten Michael und ich eine bestimmte Haltung Kindern sowie der Elternschaft gegen­über. Diese Haltung haben wir einer­seits im Laufe unse­rer fach­li­chen Ausbildung und Berufserfahrung ent­wi­ckelt. Und ande­rer­seits hat sie sich im Laufe unse­rer eige­nen Elternschaft und Partnerschaft bewährt. Man kann das, was wir ver­tre­ten, als Bedürfnisorientierung bezeich­nen. In die­sem Artikel möchte ich Dir erklä­ren, was es damit auf sich hat, wel­che Missverständnisse im Zusammenhang mit der Bedürfnisorientierung häu­fig vor­kom­men und warum wir den­noch gerne diese Haltung ver­tre­ten.

Immer wie­der höre und lese ich davon, wie Eltern sich an der bedürf­nis­ori­en­tier­ten „Erziehung“ pro­bie­ren – und schei­tern. Oder wie in quo­ten­star­ken Medien die Rede davon ist, Eltern heut­zu­tage wür­den zu viel Gewese um ihre Kinder machen – und das habe sicher­lich mit den moder­nen, ver­weich­lich­ten Erziehungsmethoden zu tun. Mütter schrei­ben mir, sie seien am Ende ihrer Kräfte, da sie mit der Befriedigung der Bedürfnisse ihrer Kinder ihre letz­ten Kraftreserven auf­ge­ge­ben hät­ten. Sie sind ver­un­si­chert, ob es ihrem Kind zum Beispiel scha­den würde, wenn es sie es ein­mal zur Betreuung jemand ande­rem anver­trauen und das Kind dar­über – zumin­dest im Moment der Übergabe – nicht glück­lich scheint.

An die­ser Stelle möchte ich gerne ein­ha­ken und zunächst ein­mal anschauen, was wir unter Bedürfnisorientierung ver­ste­hen.

Was zeichnet die Bedürfnisorientierung aus?

  • Bei der bedürf­nis­ori­en­tier­ten Elternschaft geht es um eine Haltung, wel­che die Kinder in den Blick nimmt – mit ihren evo­lu­ti­ons­be­ding­ten und ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gi­schen Voraussetzungen und Bedürfnissen. Vieles an dem, wie Kinder sich ver­hal­ten, hat sei­nen Ursprung eben in unse­rer Menschheitsgeschichte und in der Entwicklung unse­res Gehirns. Wenn wir diese Zusammenhänge ver­ste­hen und aner­ken­nen, kön­nen wir daran anset­zen und eine echte Erleichterung in unse­rem Familienalltag erle­ben.
  • Es wird ver­sucht, die­sen Bedürfnissen in der Beziehung zum Kind gerecht zu wer­den. Eltern, die sich an die­sem Konzept ori­en­tie­ren, bemü­hen sich darum, den Bedürfnissen der Kinder nach Bindung, Nähe und Geborgenheit nach­zu­kom­men. Sie wol­len einen gleich­wür­di­gen Umgang mit ihren Kindern pfle­gen.
  • Sie möch­ten ihre Kinder so anneh­men und respek­tie­ren, wie sie sind.
  • Sie bemü­hen sich, die Grenzen ihrer Kinder zu ach­ten und ihre Integrität und Würde zu bewah­ren.
  • Ganz kon­kret bedeu­tet das, dass Eltern in die­sem Erziehungsstil auf Gewalt, Strafen, Schimpfen, Manipulation und Demütigung ver­zich­ten oder sich zumin­dest darum bemü­hen, diese zu ver­mei­den.
  • Die Bedürfnisorientierung ist von Vertrauen geprägt; von grund­le­gen­dem Vertrauen in die Entwicklungs- und Lernfähigkeit der Kinder. Vom Vertrauen dar­auf, dass Kinder wert­volle Mitglieder der Gesellschaft wer­den und sich posi­tiv ein­brin­gen wol­len. Vom Vertrauen dar­auf, dass auch Verhaltensweisen, die für uns Eltern manch­mal anstren­gend sind – wie z.B. Anklammern, nächt­li­ches Aufwachen oder Trotzanfälle – ihren Sinn in der Entwicklung der Kinder haben.
  • Die Erziehungshaltung ist von der Überzeugung geprägt, dass wir Erwachsenen das Kind durch die dahin­ter lie­gen­den Bedürfnisse beglei­ten soll­ten, anstatt uns dar­auf zu kon­zen­trie­ren, ein von uns uner­wünsch­tes Verhalten abzu­stel­len.

Auch die Wissenschaften geben grünes Licht

Für mich per­sön­lich, als Diplom-Pädagogin und Science-Nerdin :-P, ist dabei wich­tig zu beto­nen, dass die Sinnhaftigkeit die­ser Erziehungshaltung inzwi­schen gut wis­sen­schaft­lich belegt ist. In den ent­spre­chen­den Wissenschaften (z. B. Pädagogik und Entwicklungspsychologie) wer­den die dazu­ge­hö­ri­gen Verhaltensweisen von Eltern zwar nicht „Bedürfnisorientierung“ genannt. Sie wer­den eher umschrie­ben. Doch es ist inzwi­schen gut nach­ge­wie­sen, dass ein fein­füh­li­ger, bindungs- und bedürf­nis­ori­en­tier­ter Erziehungsstil ganz wesent­lich dazu bei­trägt, dass ein Kind zu einem psy­chisch sta­bi­len, selbst­be­wuss­ten, erfolg­rei­chen, belieb­ten und resi­li­en­ten Erwachsenen wer­den kann. Feinfühliges und bin­dungs­ori­en­tier­tes Verhalten gel­ten als Goldstandard in der Entwicklungspsychologie und der Kleinkindpädagogik, auch wenn das im Mainstream so noch nicht ange­kom­men ist. Leider haben die ent­spre­chen­den Fachdisziplinen schein­bar ein gro­ßes Problem damit, ihre Erkenntnisse in das öffent­li­che Bewusstsein zu tra­gen. Schon allein des­halb bin ich um jede fach­lich ver­sierte Stimme froh, die es schafft, anschau­lich und ein­fach zu erklä­ren, wie eine bedürf­nis­ori­en­tierte Elternschaft gelin­gen kann.

In die­sem Zusammenhang möchte ich auch dar­auf hin­wei­sen, dass z. B. Strafen, Gewalt und auto­ri­täre Elternschaft nach­weis­lich das Risiko spä­te­rer psy­chi­scher Erkrankungen, wie z. B. Depressionen, Angststörungen, Zwangsstörungen bis hin zu Persönlichkeitsstörungen, Drogenabhängigkeit und Gewaltbereitschaft im Erwachsenenalter erhö­hen.

Ganz wich­tig dabei ist, dass es in der Bedürfnisorientierung eben nicht um ein Erziehungsprogramm geht, mit kla­ren Handlungsanweisungen an die Eltern (wie z. B. anti­au­to­ri­täre oder auto­kra­ti­sche Erziehung), son­dern es geht um eine HALTUNG. Und hier liegt, mei­ner Meinung nach, das größte Problem. Denn hier set­zen viele der Missverständnisse an.

Häufige Missverständnisse über die Bedürfnisorientierung

Der Fokus auf klare Handlungsanweisungen treibt näm­lich so einige frag­wür­dige Blüten, die es Eltern und ganz beson­ders Müttern sehr schwer machen kön­nen, lang­fris­tig die­sem Weg zu fol­gen – oder bes­ser: dem, was sie dar­un­ter ver­stan­den haben. Daher möchte ich Dir nun einige der häu­figs­ten Missverständnisse auf­zei­gen und erklä­ren, warum diese zu Problemen wer­den kön­nen. Und natür­lich will ich Dir auch Wege auf­zei­gen, wie es tat­säch­lich funk­tio­nie­ren kann.

1. Die Bedürfnisse der Kinder über alles?

Eines der größ­ten Missverständnisse über die Bedürfnisorientierung liegt darin, dass viele mei­nen, es ginge dabei aus­schließ­lich um die Bedürfnisse der Kinder. Das würde bedeu­ten, dass die Bedürfnisse der Eltern jenen der Kinder unter­ge­ord­net seien. So ist das jedoch nicht gedacht. Bedürfnisorientierung bezieht die Bedürfnisse aller Familienmitglieder mit ein! Denn eines sollte klar sein: Nur, wenn auch die Eltern auf ihre Bedürfnisse und Grenzen ach­ten und es schaf­fen, in ihrer Mitte zu blei­ben, kön­nen die Bedürfnisse der Kinder über­haupt erfüllt wer­den. Denn wie soll eine völ­lig aus­ge­zehrte Bezugsperson über­haupt noch in der Lage sein, sen­si­bel und fein­füh­lig auf ihre Kinder ein­zu­ge­hen? Überlastung, Schlafmangel und Stress sind ein gefähr­li­cher Cocktail, der das Empathievermögen senkt. Und ohne Empathie kön­nen wir kein Verständnis für die Bedürfnisse unse­rer Kinder auf­brin­gen. Sicherlich gibt es im Laufe der Elternschaft immer wie­der Zeiten und Momente, in denen wir Eltern unsere eige­nen Bedürfnisse hint­an­stel­len, um unsere Kinder gut zu beglei­ten. Dies sollte jedoch nie­mals zu einer lang­fris­ti­gen Situation oder gar einem grund­sätz­li­chen Lebensmodell mit Kindern wer­den.

2. Mama über alles?

Ganz beson­ders schwer las­tet Missverständnis Nummer 1 auf den Müttern, die nicht sel­ten mit den bes­ten Absichten die Bestimmungsmacht über ihren Körper und ihre see­li­sche Integrität mit der Mutterschaft abge­ben. Heißt es nicht, die Mutter sei die wich­tigste Bezugsperson und Babys und Kleinkinder müss­ten ganz viel Mama tan­ken für einen guten Start ins Leben? Wenn das Baby bei der Übergabe an Papa oder Oma schreit, sollte Mama nicht lie­ber doch dablei­ben und wie­der über­neh­men? Ist es über­haupt okay, ein Kind in eine Kita zu geben, wenn man es theo­re­tisch in den ers­ten vier bis sechs Jahren doch zu Hause betreuen könnte?

An die­sen Unsicherheiten und der star­ken Fokussierung auf die Mutter sind auch die pro­fes­sio­nel­len Vertreterinnen die­ser Erziehungshaltung nicht ganz unschul­dig: John Bowlby, Mary Ainsworth, William und Martha Sears – sie alle kon­zen­trie­ren sich ins­be­son­dere auf die wich­tige Rolle der Mutter als zuver­läs­sigste und wich­tigste Bezugsperson. Auch viele Mama-Blogerinnen und Mama-Instagrammerinnen oder Autoreninnen ent­spre­chen­der Erziehungsratgeber ver­mit­teln die­sen Eindruck. Sie schei­nen irgend­wie Super-Menschen zu sein, so wie sie die Bedürfnisse ihrer Kinder befrie­di­gen – und das oft sogar mit meh­re­ren Kindern – und natür­lich top-gestylt. Fest steht jedoch: Die Bedürfnisbefriedigung der Kinder ist nicht nur an eine ein­zige Person gebun­den! Vor allem nicht rund um die Uhr! Auch Papa, Oma, Opa, Cousine oder Cousin oder eine Babysitterin kön­nen Bedürfnisse nach Nähe, Geborgenheit und Trost von Babys und Kleinkindern befrie­di­gen. Im Rahmen der Bindungsforschung konnte nach­ge­wie­sen wer­den, dass Babys sich im ers­ten Lebensjahr an bis zu vier Personen eng bin­den kön­nen. Dies geschieht im Rahmen einer Bindungspyramide. Das heißt: Babys bevor­zu­gen ihre engste Bezugsperson, ganz beson­ders zum Schlafen, Trösten und bei Krankheit. In vie­len Situationen sind Babys und Kleinkindern andere Bezugspersonen aber sehr will­kom­men – ganz beson­ders, wenn es darum geht, die Welt zu erkun­den. Es ist also mit­nich­ten so, dass es Deinem Kind scha­den würde, wenn Du es ein­mal an eine ver­traute und ebenso für­sorg­li­che Person abgibst, um Dich selbst ein wenig aus­zu­ru­hen oder etwas ande­res zu erle­di­gen. Der enge Fokus auf die Mutter hat sei­nen Ursprung nicht wirk­lich in den Bedürfnissen der Kinder. Er ent­springt viel­mehr dem west­deut­schen Ideal der deut­schen Mutter und Hausfrau und unse­rer Organisation der Familie als Kleinfamilie. Wir Menschen sind jedoch Gemeinschaftswesen und zwar schon als Babys, ganz beson­ders aber als Eltern.

Autonomie ist ein Grundbedürfnis, genauso wie Geborgenheit

Ich per­sön­lich würde sogar behaup­ten, dass es gut für Kinder ist, wenn sie bereits im ers­ten, spä­tes­tens im zwei­ten Lebensjahr meh­rere enge Bezugspersonen ken­nen­ler­nen dür­fen. Dabei geht es beson­ders um Erfahrungen von Autonomie und Selbstwirksamkeit, die auch schon kleinste Kinder genie­ßen und mit Stolz erfül­len kön­nen. Wir dür­fen uns als Eltern damit ermu­ti­gen, dass wir für unsere Kinder nie­mals die ganze Welt abbil­den und dar­stel­len kön­nen. Es tut Kindern gut und gibt ihnen ein Gefühl des Gehalten-Seins in der Welt, wenn sie fest­stel­len dür­fen, dass sie nicht nur ihrer Mama ver­trauen kön­nen, son­dern auch ihrem Papa, ihrer Tagesmutter oder einer Babysitterin. Wichtig dabei ist natür­lich, dass die wei­te­ren Bezugspersonen ebenso fein­füh­lig und acht­sam mit dem Kind umge­hen, wie seine Eltern. Wenn Du gerne wei­tere Bezugspersonen für Dein Kind eta­blie­ren willst und die­sen in Bezug auf ihre Feinfühligkeit noch etwas unter die Arme grei­fen möch­test, kannst Du Großeltern, Tanten, Babysitter*innen usw. auch gerne einen Gutschein für einen mei­ner Kurse schen­ken. Dort erfah­ren enge Bezugspersonen alles, was Babys und Kleinkinder brau­chen, um sich gebor­gen zu füh­len und eine starke Persönlichkeit zu ent­wi­ckeln.

3. Kennt Bedürfnisorientierung Grenzen?

Viele den­ken, in der bedürf­nis­ori­en­tier­ten Erziehung wür­den Kindern keine Grenzen auf­ge­zeigt. Die Horrorvision von klei­nen Tyrannen geis­tert durch unsere Köpfe. Doch auch das ist wie­der ein Missverständnis. Wie in unse­ren bei­den Podcast-Folgen über Grenzen für Kinder aus­führ­lich erklärt, geht es darum, Kindern die natür­li­chen Begrenzungen ihrer Alltagswelt auf­zu­zei­gen. Und auch die Grenzen ihrer Bezugspersonen dür­fen Kinder ken­nen­ler­nen. Ich darf als Mutter oder Vater auch nein sagen, wenn ich etwas nicht möchte oder es mir zu viel wird! Dabei sind immer wie­der krea­tive Lösungen gefragt, um die Bedürfnisse aller Familienmitglieder berück­sich­ti­gen zu kön­nen. Ich darf als Elternteil die Richtung vor­ge­ben und wich­tige Eckpfeiler bestim­men. Den Gesamtüberblick und die Verantwortung – auch für das eigene Wohlergehen – tra­gen immer noch die Eltern.

4. Ist Bedürfnisorientierung anstrengend?

Viele den­ken, bedürf­nis­ori­en­tiert zu erzie­hen sei anstren­gen­der als andere Erziehungsstile. Wenn ich immer alle Bedürfnisse im Blick haben muss und auf die Wünsche der Kinder ein­ge­hen soll, anstatt ihnen ein­fach Befehle zu geben – ist das nicht anstren­gen­der? Wir den­ken: Nein. Denn eines soll­test Du wis­sen: Unerfüllte Bedürfnisse Deines Kindes (und auch von euch Eltern) ver­schwin­den nicht. Sie tau­chen nur an ande­rer Stelle wie­der auf. Zum Beispiel in Form ver­mehr­ten Schreiens, ver­mehr­ter Trotzreaktionen, Aggressionen gegen andere Kinder oder sich selbst. Bei uns Eltern füh­ren uner­füllte Bedürfnisse nicht sel­ten zu Wut und Aggressionen gegen die Kinder oder auch zu Resignation und Zynismus. Wir Eltern sind also in der Bedürfnisorientierung auf­ge­for­dert, unse­ren Alltag so zu struk­tu­rie­ren, dass auch unsere eige­nen Bedürfnisse nicht auf der Strecke blei­ben. Und viel­leicht ist es Dir auch schon ein­mal auf­ge­fal­len, dass es viel ent­span­nen­der sein kann, wenn Du es schaffst, mit den Emotionen Deines Kindes mit­zu­schwin­gen. Dass vie­les leich­ter wird, wenn Du die Emotionen und Bedürfnisse Deines Kindes nach­voll­zie­hen und mit­be­rück­sich­ti­gen kannst, anstatt gegen diese anzu­kämp­fen. Sich nur auf das Verhalten des Kindes zu kon­zen­trie­ren und dar­auf, Unerwünschtes abzu­stel­len, das (!) ist anstren­gend. Ein regel­rech­ter Kampf gegen Windmühlen.

5. Ist Bedürfnisorientierung perfektionistisch?

Manchmal ent­steht der Eindruck, dass Eltern, die bedürf­nis­ori­en­tiert han­deln wol­len, sehr unter Druck ste­hen. Klar: Wenn wir den Anspruch haben, es allen (inklu­sive uns selbst) recht zu machen und uns so sehr wün­schen, unse­rem Kind eine glück­li­che Kindheit zu schen­ken, kann das schon mal in Stress aus­ar­ten. Aber dabei geht es in der Bedürfnisorientierung nicht um Perfektion. Es geht ja um eine Haltung. Wir bemü­hen uns darum, die Bedürfnisse der Familienmitglieder im Blick zu haben und zu erfül­len. Und wenn das gelingt, ist es wun­der­bar und wir kön­nen in einen regel­rech­ten Familien-Flow kom­men.

In man­chen Situationen und Lebensumständen ist dies aber nicht zu 100 Prozent mög­lich und wir müs­sen abwä­gen. Es ist okay, wenn Dein Baby einen kur­zen Moment allein ist und schreit, weil Du, wäh­rend es noch schlief, ent­schie­den hast, kurz duschen zu gehen. Es ist okay, wenn Du, wäh­rend Dein Kind einen Schrei-Anfall hat, kurz den Raum ver­lässt, um Dich selbst zu erden. Es besteht ein sehr gro­ßer Unterschied dazwi­schen, ob ein Baby oder Kleinkind ein­mal einen Moment alleine schreit, weil es sich nicht ver­hin­dern lässt, oder ob man es mit einer pseudo-pädagogischen Absicht extra alleine schreien lässt (nach dem Motto: „Damit Du es end­lich lernst!“ oder „Damit Du lernst, alleine klar­zu­kom­men!“). Dein Kind wird im Laufe sei­ner Kindheit in vie­len klei­nen Alltagssituationen fest­stel­len, dass Mama und Papa tat­säch­lich ver­su­chen, auf seine Bedürfnisse ein­zu­ge­hen – oder eben nicht. Die spür­bare Grundhaltung macht einen Unterschied, auch wenn wir das nicht immer in Worte fas­sen kön­nen und es auch nicht immer an der Anzahl der Minuten vorm Fernseher oder der täg­li­chen Schreidauer mes­sen kön­nen.

Außerdem kann es gene­rell nicht darum gehen, Deinem Kind eine frus­tra­ti­ons­freie Umgebung zu schaf­fen. Ja, wir wol­len unnö­tige Frustrationen ver­mei­den, aber nicht das Kind vor dem Leben an sich bewah­ren. Das ist weder mög­lich noch nötig. Auch wenn Mama zum Beispiel nicht mehr alles alleine machen kann und Papa in die Einschlafbegleitung ein­ge­führt wird, kann das eine not­wen­dige Frustration für ein Kind sein, weil es eben not­wen­dig ist, dass Mama Erholung bekommt. Wenn eine Mutter ohne Entlastung irgend­wann zusam­men­bricht oder aus­ras­tet, hat das Kind nichts davon, dass sie sich vor­her auf­ge­op­fert hat.
Wie wir bereits fest­ge­stellt haben, wol­len Kinder ja wach­sen und Autonomie gewin­nen. Sie wol­len ler­nen. Diesen Bedürfnissen kann ich in einem frus­tra­ti­ons­freien Raum nicht gerecht wer­den. Lernen an sich geschieht zu einem gro­ßen Teil über Frustration – und damit meine ich nicht die Frustration über eine Strafe. Sondern die Frustration, etwas noch nicht zu schaf­fen, aber unbe­dingt kön­nen zu wol­len. Immer wie­der hin­zu­fal­len und trotz­dem nicht auf­zu­ge­ben, bis man bei­spiels­weise Laufen kann. Ein ande­res Kind auf dem Fahrrad zu sehen und zu den­ken: „Das will ich auch kön­nen!“ Einem Kind diese Art von Autonomie und Lernen zuzu­ge­ste­hen ist genau der Unterschied zu dem, was wir gemein­hin als „Helikopter-Eltern“ oder „Rasenmäher-Eltern“ ken­nen. Es ist eine Haltung, die sich vom Anspruch auf per­fekte Förderung, per­fek­tes Glück und per­fekte Harmonie ver­ab­schie­det und statt­des­sen das Leben in sei­ner gan­zen Buntheit akzep­tiert.

6. Gibt es ein „Richtig“ oder „Falsch“ in der Bedürfnisorientierung?

Ein letz­tes, ganz wesent­li­ches Missverständnis ist die Auffassung, dass die Bedürfnisorientierung Eltern ein kla­res Set an Handlungsempfehlungen gäbe, die alle Eltern zu befol­gen hät­ten. Auch hier ist eigent­lich das Gegenteil der Fall. Die Bedürfnisorientierung als Haltung ist genau des­halb so groß­ar­tig, weil sie keine pau­scha­len Antworten und keine Patent-Rezepte kennt. Denn jedes Kind ist ein­zig­ar­tig, so wie jedes Elternteil. Babys lie­ben es, getra­gen zu wer­den – aber Dein Baby sieht das anders oder Dein Rücken macht das nicht mit? Okay, dann fin­det ihr eine andere Lösung. Das Familienbett ist super, aber Du bekommst so in der Nacht kein Auge zu? Vielleicht schläft Dein Kind dann doch lie­ber in sei­nem eige­nen Zimmer und darf am Morgen für eine extra Kuschel-Einheit zu Dir kom­men. Lange Stillen ist beson­ders gut, aber Du fühlst Dich bei jedem Anlegen genervt oder Dein Baby ent­schei­det mit acht Monaten, dass es das nicht mehr braucht? Okay, denn es gibt viele Wege ein Baby oder Kleinkind zu näh­ren!

Das Konzept der Bedürfnisorientierung, so wie wir es ver­ste­hen, heißt eigent­lich, sich bewusst gegen ein Konzept zu ent­schei­den: Als Eltern schauen wir unser indi­vi­du­el­les Kind und uns selbst in unse­rer ein­zig­ar­ti­gen Situation an. Was braucht Dein Kind jetzt? Und was brauchst Du? In jeder Familie kön­nen eigene Antworten auf die drän­gen­den Fragen gewon­nen wer­den. Es geht eben darum, in sich hin­ein zu spü­ren; sich selbst zu reflek­tie­ren. Manchmal brauchst Du dabei viel­leicht Unterstützung oder einen Wink in die rich­tige Richtung. Ich hoffe, Du wirst hier auf unse­rem Blog oder in unse­rem Podcast fün­dig – ansons­ten scheue Dich nicht, uns zu fra­gen!

Fazit

Die Bedürfnisorientierung beher­zigt nicht nur die Bedürfnisse der Kinder. Sie erkennt an, dass echte Nestwärme nur dann ent­ste­hen kann, wenn auch die Eltern in ihrer Mitte ste­hen, ihre eige­nen Bedürfnisse ken­nen und ach­ten. Du darfst Dir Entlastung schaf­fen und diese auch ein­for­dern – zunächst ein­mal gegen­über Deinemr Partnerin und Deinem Umfeld und auch gegen­über Deinem Kind! Es ist wich­tig, dass Eltern in der Lage sind, ihre eige­nen Gefühle und Bedürfnisse wahr­zu­neh­men und auch zuzu­las­sen. Wut und Überforderung kannst Du als Signal betrach­ten, die Dich dar­auf hin­wei­sen wol­len, dass Du aus der Balance gekom­men bist. Vielleicht reicht es schon, diese Gefühle zuzu­las­sen und den Alltag ein klein wenig anders zu orga­ni­sie­ren. Vielleicht kann es sinn­voll sein, Dir Hilfe zu suchen. Und sieh es ein­mal so: Wenn Du Deinem Kind Deine Gefühle und Bedürfnisse zeigst und ihm zeigst, wie Du damit umge­hen kannst – dass Du etwas ändern oder Dir Hilfe holen kannst – dann kannst Du zu einem ech­ten Vorbild wer­den. Dein Kind kann dann von Dir ler­nen, mit schwie­ri­gen Situationen, mit Wut, Trauer, Frust und Enttäuschung umzu­ge­hen. Dein Kind kann Dich als ganz­heit­li­chen Menschen ken­nen­ler­nen, der eben­falls Bedürfnisse hat und nicht unfehl­bar ist – und das stärkt euer bei­der Integrität.

Wenn Du noch Fragen zur Bedürfnisorientierung hast oder damit haderst, wie Du diese Haltung in Deinem Familienalltag umset­zen kannst, kannst Du Dich gerne an Michael oder mich wen­den – mit einer Frage für unse­ren Podcast „Familie in Beziehung“ oder in einem kos­ten­lo­sen Erstgespräch.

Übrigens: Hier findest Du eine zum Artikel passende Podcast-Episode!

Alles Liebe, Deine

Jasmin Zahedi

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}
__CONFIG_group_edit__{}__CONFIG_group_edit__
__CONFIG_local_colors__{"colors":{"8f027":"Link Water","154d7":"Royal Blue","7ee21":"Bunker"},"gradients":{}}__CONFIG_local_colors__

Empfehlung für Dich

So gelingt die Wiedereingewöhnung in Krippe und Kita

Täglich erscheinen neue Mitteilungen darüber, in welchen Bundesländern und unter welchen Auflagen Krippen und Kindertagesstätten wieder öffnen. Was können wir als Eltern dazu beitragen, den Wiedereinstieg für unsere Kinder gut zu gestalten? Dazu führt Jasmin ...

Weiterlesen

Unsere neusten Blog-Artikel

Vor etwa zwei Monaten haben Michael und ich die Entscheidung getroffen, noch vor Ende des Jahres ans andere Ende von Deutschland zu ...

„Sie sollten jetzt abstillen, damit Ihr Kind die Beikost besser annimmt.“ „Lauf doch nicht immer gleich hin, wenn er schreit – Kinder müssen ...

>