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Wie Du im Kampf gegen Rassismus bei Dir selbst anfangen kannst

von Jasmin Zahedi

Es ist wieder „passiert“. Über alle Bildschirme flackert der gewaltsame Tod eines schwarzen Menschen, der brutal von einem weißen Polizisten ermordet wird. George Floyd war sein Name. Vater von zwei Kindern. Zwei Monate zuvor war Breonna Taylor in ihrem eigenen Bett von Polizisten erschossen worden. Sie war 26 Jahre alt und Notfallkrankenschwester. Sie hatte nichts verbrochen.

Diese Fälle spielten sich in den USA ab. Das ist weit weg von hier und doch trifft es uns und wir wollen demgegenüber nicht schweigen. „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“, hat Theodor W. Adorno einmal gesagt. Es gibt kein harmonisches, geborgenes und heiles Familienleben in einer rassistischen Gesellschaft. Die Menschheit ist eine einzige große Familie. Was Schwarzen, Indigenen und anderen nicht-weißen Menschen (im folgenden Text BIPoC für Black, Indigenous, People of Color) im Namen des Rassismus angetan und genommen wird, spiegelt immer auch auf weiße Menschen zurück.

Eine niemals endende Geschichte? Nein!

Ich selbst habe mich aufgrund eigener Betroffenheit im Grunde genommen seit meiner Kindheit und dann später in Studium und Beruf mit den Rahmenbedingungen und Folgen von Rassismus auseinandergesetzt. Einige meiner Erkenntnisse und ein paar Bücher- und Podcast-Empfehlungen möchte ich hier mit Dir teilen, damit auch Du in die Lage versetzt wirst, etwas gegen den Rassismus in unserer Gesellschaft zu unternehmen. 

Ja, Du hast richtig gelesen. Rassismus gibt es nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. In unserem Bundestag und in jedem Landtag sitzt eine offen faschistische und rassistische Partei. Vor etwas mehr als 100 Tagen gab es in Hanau einen rassistischen Terroranschlag, bei dem neun PoC ihr Leben genommen wurde. Es gab den NSU-Komplex, NSU 2.0, die Ermordung von Oury Jalloh, rassistische Terroranschläge und Gewaltexzesse in Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen, München. Dazu kommen die Vehemenz und Gewalt, mit der sich Deutschland und Europa gegen die Aufnahme von Geflüchteten wehren. Die Liste ist endlos. Während in den Medien und in der Öffentlichkeit diese Gewalt und Terroranschläge zwar Beachtung finden, ist den meisten weißen Deutschen jedoch nicht klar, dass sie nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Dass BIPoC in Deutschland tagtäglich Rassismus erleben und dadurch in ihrem Leben und dem, was sie in dieser Gesellschaft erreichen können, massiv beeinträchtigt werden. 

Was ist Rassismus?

Viele Menschen, die sich nicht mit dem Thema Rassismus auseinandergesetzt haben, denken, Rassismus sei nur ein Problem zwischen einzelnen Menschen, also dass einzelne Personen, die am Rande der Gesellschaft stehen (zum Beispiel Rechtsextreme), rassistisch seien. Die sozialwissenschaftliche Definition und die Realität von Rassismus sind jedoch tiefergehend. Zunächst einmal ist Rassismus eine Ideologie, die Menschen aufgrund ihres Äußeren, ihres Namens, ihrer (vermeintlichen) Kultur, Herkunft oder Religion abwertet. In Gesellschaften mit einer primär weißen Mehrheitsbevölkerung sowie Gesellschaften mit einer kolonialistischen Vergangenheit (also auch Deutschland) stellt Rassismus ein systematisch und institutionell eingeschriebenes Gesellschaftsmerkmal dar.

Rassismus ist Teil der DNA unserer Gesellschaft und nicht nur als individuelles Phänomen zu betrachten. Das bedeutet, dass unser Gesellschaftssystem darauf ausgerichtet ist, mithilfe der Diskriminierung, Ausbeutung und Entwertung von Schwarzen, Indigenen und PoC systematische Vorteile für weiße Menschen auszubauen und zu sichern. Woher ich das weiß? Weil zum Beispiel die Diskriminierung von BIPoC im Bildungssystem, auf dem Arbeitsmarkt und auf dem Wohnungsmarkt in den Sozialwissenschaften sehr gut belegt werden konnten. Das sind drei existentielle Lebensbereiche, deren Outcome unsere Lebensqualität weitestgehend mitbestimmt. Weil ich jeden Tag in den Geschäften Kleidung, Konsumgüter und Billignahrung kaufen kann, die entweder von BIPoC in anderen Ländern oder von Migranten*innen in Deutschland unter miesesten und teilweise lebensgefährlichen Umständen hergestellt wurden. Damit ich sie jederzeit und für wenig Geld erwerben kann und es für mich möglichst komfortabel zugeht. 

Deshalb gibt es per Definitionem auch keinen Rassismus gegen Weiße, denn Weiße profitieren direkt und auf globaler Ebene von Rassismus gegen BIPoC, während BIPoC nicht in ihrer Lebensqualität davon profitieren können, wenn sie Ressentiments gegen Weiße haben.

Was bedeutet der Rassismus in Deutschland für BIPoC?

Wie Du siehst, kann Rassismus auch in Deutschland für BIPoC lebensgefährlich sein. Schwarze, Indigene und PoC verfolgen die Berichterstattung zu rassistischer Polizeigewalt in Deutschland, zu rassistischen Terroranschlägen und Gewaltexzessen genau mit. Wir können die Bilder nicht vergessen, nicht einfach als Vergangenheit abhaken. Sie schreiben sich wiederum in unsere DNA ein, zusammen mit den rassistischen Bemerkungen, Witzen, Übergriffen, die wir tagtäglich erleben. Für mich selbst war beispielsweise auch die Debatte über Geflüchtete in den letzten Jahren sehr verletzend. Wenn große Teile der deutschen Medien und Mehrheitsgesellschaft die potenzielle Anwesenheit von Menschen aus einem Deiner eigenen Heimatländer so sehr problematisieren. Wenn Menschen panische Angst davor haben, dass neben ihnen „so jemand“ einzieht. So jemand wie ich.

Ist meine Anwesenheit in Deutschland denn so schlimm? „Trage ich nichts Positives zu dieser Gesellschaft bei?“, frage ich mich dann. Die ständige Problematisierung migrantischen Lebens in Deutschland, die Diskriminierung und die Gewalt schreiben sich ein in unser Gedächtnis. Dennoch gibt es hier keine Massenaufstände von BIPoC auf täglicher Basis. BIPoC in Deutschland wollen hier einfach nur friedlich leben und einen positiven Beitrag zu dieser Gesellschaft leisten. Dieser Gegensatz zwischen Angst, Ignoranz und Verachtung auf der einen Seite und Kooperation und Bemühen auf der anderen Seite bricht mir persönlich geradezu das Herz.

Antirassismus lohnt sich auch für Weiße

Weiße Menschen, die sich nicht mit dem Rassismus in ihrer Gesellschaft auseinandersetzen, übersehen einen Teil der Lebensrealität in ihrem eigenen Land. Sie scheinen nicht in der Lage, die Probleme und Sorgen ihrer Nachbar*innen, Freund*innen, Kolleg*innen wahrzunehmen. Es ist, als hätten weiße Menschen in dieser Hinsicht Scheuklappen auf. Und gleichzeitig macht gerade dieses Unwissen Angst und erzeugt ein Unbehagen und Unsicherheit im Umgang mit BIPoC, die nicht notwendig wären. Es kann sich deshalb auch für Menschen, die vermeintlich nicht von Rassismus betroffen sind, so sehr lohnen, sich für das Thema zu öffnen. Sich auf die (innere) Reise zu begeben, um mehr darüber zu erfahren. 

Was kannst du gegen Rassismus tun?

Wie oben erläutert, ist Rassismus ein gesamtgesellschaftliches, systematisches und institutionell angelegtes Problem. Und während es wichtig ist, diese systematische Struktur Stück für Stück abzubauen, beginnt unser Einsatz gegen Rassismus zunächst einmal direkt bei uns selbst. Viele junge, gebildete und weltoffene Menschen gehen selbstverständlich davon aus, dass sie nicht rassistisch seien. Wenn sie dann doch von Schwarzen oder IPoC auf ein rassistisches Verhalten hingewiesen werden, wird schnell abgewiegelt: „Das kann nicht sein, denn ich habe Schwarze im Freundeskreis!“, „Ich habe ein Jahr in Indien in einem Weisenheim gearbeitet!“, „Ich esse gerne vietnamesisches Essen!“ Doch so einfach ist es nicht.

Wir wollen die Scheuklappen einmal abnehmen. Wir leben in einer Gesellschaft mit rassistischer DNA. Das heißt, wir sind mit rassistischem Gedankengut, mit rassistischen Bildern und Impulsen, mit rassistischer Normalität aufgewachsen. Rassismus gegen BIPoC ist ein Teil unserer eigenen DNA – und das gilt sogar für BIPoC selbst! Was kann also die Lösung dieses Dilemmas sein? Der Schlüssel liegt in meiner Haltung. Statt einfach davon auszugehen, dass ich nicht rassistisch bin, sollte ich eher davon ausgehen, dass ich sehr wohl rassistisch bin, auch wenn ich es nicht sein will. Ich nehme eine bewusst antirassistische Haltung ein. Das bedeutet, ich erkenne eigene Rassismen an und arbeite bewusst dagegen an. Ich akzeptiere, dass ich Fehler machen werde, aber immer dazulernen kann. Dieser Prozess ist im Grunde niemals abgeschlossen – auch nicht für mich persönlich, die ich mich schon seit Jahrzehnten mit Rassismus auseinandersetzt und sogar selbst davon betroffen bin!

Hilfreiche Fragen:

Um dich in diese Haltung hineinzuversetzen, möchte ich Dir einige Fragen an die Hand geben. Sieh Dir die Fragen an und spüre in Dich hinein:

  • Würdest Du in Deutschland leben wollen, wenn Du schwarz, muslimisch, jüdisch oder geflüchtet wärest? Wenn du einen fremd klingenden Namen hättest? Würdest Du Dein jetziges weißes Leben eintauschen gegen ein Leben als BIPoC? Nein? Warum nicht?
  • Was löst es in Dir aus, wenn Dich jemand als „weiß“ bezeichnet? „Weiß“ im Gegensatz zu „normal“? Was bedeutet Weiß-Sein für dich? Kannst Du sehen, inwiefern Du in Deinem Leben in dieser Gesellschaft schon davon profitiert hast, weiß zu sein? Kannst Du Deine Privilegien erkennen?
  • Ertappst Du Dich manchmal dabei, wie Du Dich unbehaglich fühlst, wenn Du Schwarzen, Sinti und Roma oder IPoC begegnest? Würdest Du eine Mutter mit Kopftuch auf dem Spielplatz grüßen? Würdest Du eine Mutter, die Du für eine Romnija hältst, auf dem Spielplatz grüßen und Dich mit ihr unterhalten?
  • Hast Du den unbedingten Drang, zu wissen, woher jemand stammt, auch wenn Du die Person im Grunde genommen gar nicht genauer kennenlernen oder nur einmal im Leben treffen wirst?
  • Ertappst Du Dich manchmal dabei, wie Du dir das Verhalten oder die Präferenzen und Talente von BIPoC mit ihrer vermeintlichen Kultur erklärst, anstatt individuell und situationsbedingt, wie Du es bei Weißen tun würdest?

Wie Du siehst, geht es bei den Fragen mal wieder um harte Arbeit an Dir selbst. Wenn Du dahin gehst, wo Du Dich aufregst, wo es unangenehm ist, wo es weh tut, bist Du auf dem richtigen Weg!

Wie kannst Du Dich im Kontakt mit BIPoC antirassistisch verhalten?

Neben der Innenschau und Reflexion geht das Leben natürlich einfach so weiter und Du triffst im Alltag Menschen, die von Rassismus betroffen sind. Wie kannst Du Dich ihnen gegenüber achtsam und antirassistisch verhalten, insbesondere wenn es um das Thema Rassismus geht oder wenn sie Dir rassistische Erfahrungen anvertrauen? 

  • Höre einfach nur zu und gib der betroffenen Person Raum, anstatt sie zu übertönen. 
  • Informiere Dich eigenverantwortlich zu den Hintergründen der Rassismusform, von der Dir berichtet wird (BIPoC sind nicht für deine Bildung verantwortlich 😉).
  • Schenke der betroffenen Person Glauben, anstatt zu behaupten, der Vorfall sei nicht rassistisch gewesen, oder gar Beweise zu fordern. So ähnlich wie beim Sexismus gibt es kaum etwas Verletzenderes, als wenn ein Hinweis auf rassistische Vorkommnisse mit „Das ist doch nicht rassistisch!“ abgetan wird.
  • Wenn Du Zeuge*in eines rassistischen Vorkommnisses warst, nutze Deine Macht und steh dem Opfer bei. Bestärke das Opfer, zum Beispiel auch gegenüber Autoritäten und Entscheidungspersonen beziehungsweise gegenüber Dritten, um eine Veränderung zu bewirken. Wenn beispielsweise in der Kita oder Schule andere Kinder oder Erwachsene mit rassistischem Verhalten auffallen, beharre auf einer systematischen Bearbeitung der Thematik, die alle mit einbezieht und nicht nur die unmittelbar Beteiligten. So stellst Du sicher, dass der*die Betroffene nicht in die Position versetzt wird, auch noch gegenüber Dritten und Entscheidungspersonen um die eigene Würde, Daseinsberechtigung und Integrität kämpfen zu müssen.

Eine antirassistische Haltung einzunehmen und aktiv umzusetzen, trägt maßgeblich zu einer friedlichen und zufriedenen Gesellschaft bei. Es trägt dazu bei, dass unsere Kinder in Frieden und Geborgenheit aufwachsen können. Wenn wir unseren Kindern diese Haltung vorleben, ermöglichen wir ihnen, ihr offenes Herz zu bewahren. Ich denke, dafür lohnt es sich doch allemal!

Diese Bücher und Podcasts nehmen Dich an die Hand:

Um in eine antirassistische Haltung zu kommen, möchte ich Dir gerne einige Bücher und Podcasts empfehlen, die Dich auf Deinem Weg begleiten können. Gerade in den letzten Jahren sind viele Medien erschienen, die ganz wunderbar die Dinge auf den Punkt bringen und dabei helfen, die eigene Wahrnehmung und Empathie in diesem Bereich anzuregen:

Bücher:

  • Tupoka Ogette: „Exit Racism – rassismuskritisch denken lernen“. Dieses Buch stellt eine gute Einstiegslektüre dar, denn es will genau das: Dir einen Einstieg in eine antirassistische Haltung ermöglichen. Unbedingt empfehlenswert! 
  • Alice Hasters: „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“. Dieses Buch ergänzt jenes von Tupoka Ogette hervorragend und trägt dazu bei, Deine Empathie und Dein Verständnis für die Lebenssituation von Schwarzen in Deutschland zu erweitern.
  • Kübra Gümüşay: „Sprache und Sein“. Hier geht es ans Finetuning: Wie prägt unsere Sprache unsere Wahrnehmung? Wie können wir eine andere Art des Miteinanders und Übereinander-Sprechens finden? Spannend und lebensnah ermöglicht dieses Buch neue Perspektiven auf unser Zusammenleben in einer interkulturellen Gesellschaft.
  • Aladin El-Mafaalani: „Das Integrationsparadox: Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt“. So oft heißt es, Integration sei gescheitert. El-Mafaalani zeigt, dass genau das Gegenteil der Fall ist und ermöglicht Dir mit seinem Buch, häufige Konfliktlinien der Gesellschaft neu wahrzunehmen.
  • Aladin El-Mafaalani: „Mythos Bildung: Die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und seine Zukunft“. Diagnose und Plädoyer gegen ein Bildungssystem, das Ungleichheiten in der Gesellschaft verstärkt. Besonders interessant für Eltern von Schulkindern. Für Lehrkräfte und Fachkräfte im Betreuungs- und Bildungsbereich heutzutage, meiner Meinung nach, ein Muss. 

Podcasts:

  • Tupodcast: Ein Podcast von Tupoka Ogette im Gespräch mit schwarzen Frauen. Der Podcast kann die Empathie und das Verständnis für die Lebensrealität schwarzer Menschen in Deutschland erhöhen.
  • Rice and Shine: Ein Podcast von Vanessa Vu und Minh Thu Tran über vietnamesisch-deutsche Perspektiven. Er bietet einen spannenden Einblick in die asiatische Diaspora in Deutschland und kann ebenfalls das Verständnis und die Empathie erhöhen.
  • Feuer & Brot: Ein Podcast von Alice Hasters und Maximiliane Häcke, die gesellschaftliche Konventionen und Gegebenheiten gut recherchiert und nahbar hinterfragen. 

Übrigens: Hier findest Du die zum Artikel passende Podcast-Episode!

Ich danke Dir, dass Du bis hierhin gelesen hast und wünsche Dir viele tiefgreifende Erkenntnisse und viel Freude beim Stöbern und Entdecken!

Deine


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