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Wie Du mit ungebetenen Kommentaren umgehen kannst

von Jasmin und Michael

  • „Sie sollten jetzt abstillen, damit Ihr Kind die Beikost besser annimmt.“ 
  • „Lauf doch nicht immer gleich hin, wenn er schreit – Kinder müssen lernen, sich selbst zu beruhigen!“
  • „Dass Du ihr das durchgehen lässt …“

Hast Du solche oder ähnliche Sätze schon einmal gehört, seitdem ein Kind in Dein Leben getreten ist? Was hast Du darauf geantwortet – wenn Dir überhaupt in diesem Moment eine passende Antwort eingefallen ist?

Kommentare zu ihrem Erziehungsstil müssen sich die meisten Eltern gefallen lassen, und das über die gesamte Kindheit und Jugend ihrer Kinder hinweg. Großeltern und andere Verwandte, Freund*innen und Bekannte, völlig Fremde auf der Straße oder in der Kinderarztpraxis wollen sich – mehr oder weniger wohlmeinend – einmischen. Solche Kommentare bewirken vieles bei uns. Selten jedoch entfalten sie die positive Wirkung, die sich die entsendende Person vorgestellt hat. Vielmehr lassen sie uns häufig sprachlos und verletzt zurück. Wie also kannst Du Dich abgrenzen? Wie kannst Du mit solchen Situationen umgehen? Im folgenden Text möchten wir Dir einige Strategien und Gedanken an die Hand geben.

Dem Stachel auf den Grund gehen

Nun ist es passiert. Die Worte sind gesprochen – und sitzen. Der abwertende Kommentar löst in Dir eine Reaktion aus. Häufig fällt Dir erst im Nachhinein eine passende Antwort oder ein bissiger Gegenkommentar ein. Manchmal ist das jedoch nicht der Fall und Du merkst, wie Du schon nervös und angespannt wirst, wenn das nächste Treffen mit Deiner Mutter oder Schwiegermutter, mit der Bekannten aus der Krabbelgruppe oder der nächste Kinderarzttermin bevorstehen. Um Dich vorzubereiten, kann es daher sinnvoll sein, in einem ruhigen Moment erst einmal in Dich hinein zu spüren. Was passiert in Dir, wenn Dir jemand einen negativen, besserwisserischen oder belehrenden Kommentar an den Kopf knallt?

Was geht bei Dir selbst ab?

Vielleicht kannst Du Dich in einigen der folgenden Reaktionen auf ungebetene Kommentare wiederfinden:

  • Du empfindest eine körperliche Reaktion. Dir wird wahlweise heiß oder kalt, Deine Wangen beginnen zu glühen. Vielleicht bemerkst Du ein absinkendes Gefühl in der Brust oder im Bauch oder Du beginnst du schwitzen oder zu zittern. Deine Zunge klebt an Deinem Gaumen und Deine Kehle fühlt sich an wie ausgetrocknet.
  • Auf der Gefühlsebene spürst Du Stress. Rasende Gedanken und eine aufsteigende Hektik oder sogar Panik können sich breit machen. 
  • Negative Kommentare können Selbstzweifel in Dir auslösen: Könnte die andere Person Recht haben? Solltest Du etwas an Deinem Verhalten verändern?
  • Ärger oder Wut steigen in Dir auf.
  • Du fühlst Dich verletzt. Schließlich steckst Du Dein ganzes Herzblut in die Begleitung Deines Kindes hinein und gibst so viel. Du gibst Dein Bestes und dafür musst Du Dir noch blöde Kommentare anhören!
  • Womöglich fühlst Du Dich in eine Rechtfertigungsposition gedrängt. Gedrängt, zu erklären, warum Du tust, was Du tust.
  • Du fühlst Dich unter Druck gesetzt, etwas zu ändern oder Dein Verhalten Deinem Kind gegenüber umzustellen, wann immer die kommentierende Person in eurer Anwesenheit ist.
  • Wertende Kommentare können unbewusst dazu führen, dass Du anders mit Deinem Kind umgehst, als Du es eigentlich möchtest. So könnte es zum Beispiel sein, dass Du strenger oder unversöhnlicher mit Deinem Kind bist, als Du es eigentlich sein möchtest oder es für nötig hältst. 
  • Es kann dazu führen, dass Du Dein Bauchgefühl (zumindest zeitweise) nicht mehr wahrnehmen kannst und Dich hilflos fühlst. Dann fällt es Dir vielleicht schwer, auf Dein Wissen über Dein Kind zurückzugreifen. Du gerätst aus Deiner inneren Mitte und verlierst die Verbundenheit zu Dir selbst und zu Deinem Kind.
  • Es kann die Beziehung zum Kind schädigen, wenn Du zu einem Verhalten gedrängt wirst, das Dir widerstrebt und das womöglich auch den Bedürfnissen Deines Kindes entgegengesetzt ist.
  • Der Kommentar geht Dir noch lange nach und Du grübelst, wie Du Dich hättest verhalten können, um die Abwertung durch die andere Person zu vermeiden.

An dieser Auflistung wird schnell ersichtlich, dass negative und wertende Kommentare keine Kleinigkeit sind, sondern uns ziemlich aus der Bahn werfen können. Kannst Du Dich in einer oder mehrerer der genannten Gefühlslagen wiederfinden? Welche der Reaktionen treffen bei Dir am stärksten zu? Ist es vor allem die körperliche Stressreaktion, die Dir zu schaffen macht? Oder eher der Druck, Dich zu rechtfertigen? Oder beunruhigt es Dich, wie sehr solche Kommentare sich auf Dein Verhalten gegenüber Deinem Kind auswirken? Je nachdem, wie Deine Antwort ausfällt, hast Du schon einen wichtigen Anhaltspunkt, an dem Du weiterarbeiten kannst. So kannst Du einerseits überlegen, was Du selbst in der entsprechenden Situation gebrauchen könntest, damit es Dir gut geht. Und Du kannst Dir überlegen, wie Du es verhindern möchtest, dass Du Dich erneut von den Kommentaren aus Deinem Gleichgewicht bringen lässt. 

Du triffst die Entscheidungen

Mache Dir bewusst, dass Du das Elternteil für Dein Kind bist. Du trägst die Verantwortung für Dein Kind. Du triffst am Tag hunderte Entscheidungen für Euch und Du bist die Person, die damit leben muss – in ihrem tagtäglichen Alltag, jeden Tag und jede Nacht. Daher ist es im Grunde ziemlich egal, ob Außenstehende meinen, dass es doch besser wäre, wenn du wahlweise weniger stillst, feste Schlafenszeiten einführst oder Dein Kind mehr alleine schreiend in seinem Zimmer einsperrst. Du bist nun mal die Person, die im Alltag damit umgehen muss. Und deshalb müssen die Entscheidungen auch zu Dir und Deinem Kind passen. Das Wichtigste ist, dass es Dir und Deinem Kind damit gut geht.

Der Eindruck, den andere von außen haben, ist immer nur ein kleiner Ausschnitt Eurer Realität. Was und warum Du irgendetwas mit Deinem Kind den Tag über so oder anders machst, ist von außen nur schwer zu erfassen und somit noch weniger zu beurteilen. Alles, womit Du gut leben kannst, ist vermutlich auch okay. Es ist Dein Kind; es ist Dein Körper. Es ist Deine Lebenszeit. Es sind Deine Tage und Deine Nächte. Es ist Deine Zeit mit Deinem Baby, Deine Zeit mit Deinem Kind.
Du darfst die Entscheidungen treffen – und im Übrigen musst Du sogar die Entscheidungen treffen! Das ist Deine Aufgabe als Elternteil und Deine Verantwortung!

Die einzige Ausnahme, bei der ich einer Einmischung von Außen zustimmen würde: bei tatsächlicher Kindeswohlgefährdung aufgrund von Gewalt, Vernachlässigung und Missbrauch. Hier sollten alle hinschauen und handeln.

Aber: Die meisten Situationen und Fragestellungen im Alltag beziehen sich eben nicht auf akute Kindeswohlgefährdung, sondern auf ideologische Fragen und reine Behauptungen. Auf den Gedanken einer unbeteiligten Person: „Ich würde es anders machen“. Das kann sein, aber diese Person ist eben diese Person und nicht Du. Bei Einmischungen in den intimsten Privatbereich anderer sollten wir immer die Verhältnismäßigkeit, den Kontext und die tatsächliche Wirksamkeit im Auge behalten.

Und hier gibt es einen weiteren Punkt, den Du für Dich nutzen kannst: Wenn die anderen immer nur einen Ausschnitt Deiner Realität wahrnehmen können, kannst Du in der Regel mitentscheiden, welcher Ausschnitt das sein soll. Das bedeutet konkret, dass Du nicht alles mit allen teilen musst.

Welche Intention hat mein Gegenüber?

In vielen Situationen kann es hilfreich sein, davon auszugehen, dass der blöde Kommentar, der Dich und Dein Kind getroffen hat, mehr mit der aussendenden Person zu tun hat, als mit Dir selbst. 

  • Vielleicht fühlt sich Deine Schwiegermutter oder auch Deine eigene Mutter schon allein dadurch angegriffen, dass Du einige Dinge anders machst, als sie es damals mit ihren Kindern gemacht hat. Wir leben heute jedoch in einer anderen Zeit und bereiten unsere Kinder auf eine andere Zukunft vor. Wir dürfen davon ausgehen, dass jede Generation nach ihren Möglichkeiten und ihrem besten Wissen und Gewissen handelt oder gehandelt hat. Deshalb darfst Du jetzt Dinge anders machen – und schließt damit nicht aus, dass auch andere Generationen schon Dinge gut oder zumindest mit bester Absicht gemacht haben.
  • Auf der Arbeit kann es sein, dass Kolleg*innen oder Chef*innen durch Deine Rolle als Elternteil verunsichert sind. Wird er*sie noch genauso zuverlässig die Arbeitsaufgaben erledigen? Werde ich einspringen müssen, wenn das Kind einmal krank ist? Das sind berechtigte Sorgen. Das Arbeitsrecht gibt hier klare Antworten und steht in vielen Fällen auf Deiner Seite. 
  • Entfernte Bekannte oder völlig fremde Menschen auf der Straße sind eventuell grundsätzlich weit entfernt von einem Leben mit Kindern. Womöglich empfinden sie ganz normale kindliche Regungen und Verhaltensweise als befremdlich oder gar als Störung, die durch die Eltern zu beseitigen sei. Du kannst aber nichts dafür, dass diese Menschen nicht wissen, wie das Leben mit Kindern nun einmal ist. Dass sie keinen Bezug mehr zu ihrer eigenen Vergangenheit haben, zu den Träumen und Schrulligkeiten ihrer Kindheit. Und Du wirst es ihnen in der kurzen Zeit, in der Du mit ihnen zu tun hast, auch nicht beibringen können. Also kannst Du Dich getrost weiter um Dein Kind und um Dich selbst kümmern.
  • Medizinische Fachkräfte sind zwar grundsätzlich eine gute Anlaufstelle, wenn wir Schwierigkeiten mit unseren Kindern sehen. Doch sind sie nicht auf alle Fragen spezialisiert und können nicht auf alles eine qualifizierte Antwort geben. Insbesondere Fragen rund um Stillen und Ernährung können hier gerne einmal in haarsträubende Verlautbarungen münden. Auch haben Kinderärzt*innen grundsätzlich eine Perspektive, die von einer statistisch festgelegten Norm ausgeht. Und während es prinzipiell gut ist, sich an der Norm zu orientieren, um mögliche Krankheiten frühzeitig auszuschließen, müssen wir uns gleichzeitig bewusst machen, dass eben alle Kinder verschieden sind. Solange Dein Kind gut wächst und gedeiht und grundsätzlich zufrieden ist, gibt es vermutlich keinen Grund, sich Sorgen zu machen – auch wenn es in einigen Punkten seiner Entwicklung von der Mehrheit der anderen Kinder abweicht. Bei Bedarf kann es hier hilfreich sein, sich eine Zweitmeinung einzuholen (und dazu haben alle Krankenversicherten das Recht). 

Die Personen, die sich mit ungebetenen Kommentaren in unsere Beziehung zu unserem Kind einmischen, haben also jeweils eine eigene Perspektive und eine eigene Agenda. Das bedeutet gleichzeitig nicht, dass es Deine Mission wäre, die Menschen „aufzuklären“ oder ihr Verständnis zu wecken. Du musst nicht auf alle eingehen, die sich vermeintlich um Dein Kind sorgen. Manchmal hilft dieses Wissen einfach nur dabei, die Kommentare nicht zu sehr an sich heranzulassen und mit mehr Leichtigkeit zu nehmen. 

Wähle Deine Strategie

Je nach persönlicher Nähe zu der Person, die Dich mit ihren Kommentaren in die Enge treibt, kannst Du nun Deine Strategie wählen. 

  • Wenn die Person Dir nahesteht und Du sie gerne weiter an Deinem Familienleben teilhaben lassen möchtest – oder gar möchtest, dass sie sich an der Betreuung Deines Kindes beteiligt (etwa bei nahen Verwandten), kann es durchaus sinnvoll sein, wenn Du Deine Beweggründe erklärst. Du kannst Links und Literaturtipps weiterleiten oder die Teilnahme an einem Kurs verschenken. Du kannst auf die Sorgen und Bedenken der Person eingehen und versuchen, aufzuzeigen, dass diese unbegründet sind. 
  • Du darfst Dich aber auch deutlich abgrenzen und klarmachen, dass Du über das betreffende Thema nicht debattieren oder besprechen willst.
  • Du kannst das Thema wechseln. 
  • Du kannst eine Gegenfrage stellen: Wie kommst Du darauf? Warum ist Dir das so wichtig? Was genau meinst Du? Was ist Deine Befürchtung?
  • Paraphrasieren: Du bist also der Meinung, dass ...
  • Du darfst die Interaktion mit Menschen, die Dich verletzen oder verunsichern, kurz halten und reduzieren, soweit es geht. 

Sätze, die immer funktionieren

Je nach persönlicher Nähe zu der Person, die Dich mit ihren Kommentaren in die Enge treibt, kannst Du nun Deine Strategie wählen. 

  • Nein, ich sehe das anders.
  • Ich mache es eben so.
  • Ich möchte dazu nichts mehr sagen/hören.
  • Ich habe meine Gründe dafür.
  • Bitte respektiere meine Privatsphäre.
  • Bitte respektiere die Entscheidung, die ich als Mutter*Vater für mein Kind treffe.

Du darfst Dich abgrenzen. Es ist okay, wenn Du nicht alles kommentarlos hinnehmen willst. Es ist genauso okay, wenn Du nicht alles kommentieren oder diskutieren möchtest. Ja, wir Eltern benötigen manchmal Rat und Hilfestellung. Diese sollten jedoch nicht so beschaffen sein, dass sie uns noch ratloser oder gar verletzt zurücklassen. Sie sollten tatsächlich da anknüpfen, wo wir sie benötigen.

Auch in diesem Punkt stellt das Leben mit Kindern für uns Eltern eine Wachstumschance dar. Wir können lernen, unser Selbstwertgefühl weniger abhängig von der Bewertung durch andere zu machen. Du setzt Deine eigenen Prioritäten und diese darfst Du selbstbewusst vertreten. Vor allem, solange sie Deinen persönlichen Nahbereich betreffen, über den niemand anderes verfügen darf. Mit wertenden und negativen Kommentaren umzugehen können wir lernen. Es erfordert ein wenig Übung, aber es ist möglich.

Welche Strategien helfen Dir gegen unerwünschte Kommentare? Wir freuen mich über Deine Erfahrungen in den Kommentaren!

Übrigens: Hier gelangst Du zur dazugehörigen Podcast-Episode!

Alles Liebe!

Jasmin und Michael



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