Neulich, irgendwo in Hessen ...

„Unn, bei Dir so?“
„Ei jo, immer so weider hald! Nix besonneres.“
„Was will mer mache, es Lebbe gehd weider!”
„Eebe, da gehd‘s de Mensche wie de Leud.“ 

Kommt es nur mir so vor oder sind Dialekte in besonderer Weise dazu geeignet, Plattitüden-Bingo zu spielen 🤨 Dieses Nonstop-Nonsens-Talking hat eine Reihe von Vorteilen, beispielsweise den, dass man locker eine halbe Stunde „miteinander reden“ kann, ohne auch nur eine einzige Aussage zu tätigen. Ich kann mein Gehirn herunterfahren, meine Ohren auf Durchzug stellen und mein Mundwerk in den Autopiloten schalten ✈️

Die Vorteile einer „sozialen“ Sprache

Phrasendreschen funktioniert natürlich nicht nur auf Hessisch, sondern beispielsweise auch im Business-Sprech („Wir müssen uns auf das Bigger Picture fokussieren!“) oder ganz staatstragend „... für die Menschen da draußen!“ Eine zentrale Funktion solcher Sprachspiele, wenn man sie denn beherrscht, besteht darin, sein Gegenüber auf Distanz zu halten. Etwa den Nachbarn, den man eigentlich nicht leiden kann, mit dem man es sich dann aber doch nicht gänzlich verscherzen möchte. Oder man möchte sich den nervigen Chef höflich vom Leib halten. Oder die Journalistin mit ihren anstrengenden Fragen 🎤

Jesper Juul verwendet dafür den Begriff der „sozialen Sprache“. Die soziale Sprache ist oberflächlich, freundlich und von Konventionen durchzogen. Sie erzeugt keine Reibungspunkte, weil sie immer im Vagen bleibt. Wenn wir einen Menschen das erste Mal treffen, hilft uns die soziale Sprache, einander zu signalisieren: „Keine Angst, ich bin ganz normal und harmlos! Ich komme Dir auch nicht zu nahe!“ Man trifft Aussagen, für die man keinen Widerspruch zu fürchten braucht: „Ach ja, die Knabbersachen, wenn man einmal damit anfängt ...“ Und man stellt geistreiche Fragen: „Und woher kennst Du den Gastgeber?“ 🥂

... und ihre Nachteile

Schwierig nur, wenn man in dieser Phase stecken bleibt und der Abend noch etwas länger geht, weil beispielsweise in einen Geburtstag hinein gefeiert wird. Dann kommt ein Teufelskreis in Gang, denn mit jeder Runde Floskel-Pingpong sinkt bei allen die Bereitschaft, irgendetwas Interessantes von sich preiszugeben. Außer man hilft mit Alkohol nach ... 🍾

Manchmal braucht es wirklich Mut, um „aufzumachen“. Gerade in reinen Männerrunden (vielleicht gilt das ja auch für reine Frauenrunden) dreht sich das Gespräch oft nur darum, wie toll man das eigene Leben im Griff hat („Mein Haus 🏠 Mein Auto 🚘 Mein Boot 🛥“). Andererseits habe ich gerade da schon die Erfahrung gemacht, wie befreiend es für alle sein kann, wenn einer den Anfang macht. Wenn einer – bildlich gesprochen – die Hosen runterlässt und andeutet, dass es in dem einen oder anderen Lebensbereich vielleicht doch nicht ganz so rund läuft. Allerdings – wie das so ist mit dem Hosen-Runterlassen: Mancherorts lässt man es wirklich besser bleiben! 😉

Für Familie und Partnerschaft taugt soziale Sprache nicht

Soziale Sprache ist ungeeignet, echte Nähe und Begegnung herzustellen. Sie kann auch keine Wärme erzeugen, nicht einmal Reibungswärme. Weil sie keine Konflikte zulässt. In unseren Familien hat sie schon deshalb nichts verloren. Denn wo Menschen so viel Alltag teilen, da gibt es immer Konflikte. Jeder Versuch, Konflikten in der Familie aus dem Weg zu gehen, ist zum Scheitern verurteilt. Auch der Versuch, sie sprachlich zu kaschieren. Soziale Sprache verkommt im familiären Nahraum zu einer zynischen Karikatur, die nichts bringt, als Verspannungen und graue Haare 😫

Außerdem haben wir ja keine Familie miteinander gegründet, um einander höflich auf Distanz zu halten. So anstrengend der gemeinsame Alltag auch sein mag; Wir sehnen uns nach einer Atmosphäre, in der jede*r sich frei fühlt, ganz er*sie selbst zu sein. Konventionen helfen uns da nicht weiter, Höflichkeit auch nicht. 

Wir brauchen eine persönliche Sprache

Ok, wirst Du jetzt sagen, keine soziale Sprache in der Familie! Aber was dann? Antisoziale Sprache?

Das sind leider tatsächlich die Pole, zwischen denen sich viele bewegen. Erst wird mit den Kindern gesprochen, als wären sie Gäste in einem Sterne-Restaurant: „Würde es Dir etwas ausmachen, wenn Du vielleicht etwas weniger laut den Ball gegen die Wohnzimmerwand schießen könntest.” Dann wundert man sich, dass die Höflichkeit ihre Wirkung verfehlt. Man versucht es noch ein zweites und drittes Mal. Und am Ende schreit man: „Du packst jetzt auf der Stelle Deinen bescheuerten Ball weg, verdammte Sch****!“ Oder so ähnlich 😇

Was wir brauchen, ist weder soziale Sprache, noch antisoziale, noch irgendetwas dazwischen. Sondern etwas völlig anderes. Wir brauchen – und hier kommt wieder ein Begriff von Jesper Juul ins Spiel – eine persönliche Sprache. Persönliche Sprache erzeugt Nähe, Wärme, authentische Begegnung.

In persönlicher Sprache zeige ich mich selbst: „Schau mal, so sieht es in meiner Welt aus! So geht es mir, das brauche ich gerade von Dir!“ Und ich eröffne einen Raum, in dem sich auch mein Gegenüber gerne zeigt. In dem alle die Erfahrung machen dürfen, gesehen und angenommen zu werden mit dem, was gerade da ist; an Sehnsüchten, Sorgen, Ideen, Bedürfnissen, Gefühlen.

Und wie um Himmels Willen lernen wir diese Sprache?

Nun ja, genau genommen lernen wir sie überhaupt nicht ... 

Einmal frei machen, bitte 🩺

Wenn ich eine persönliche Sprache erlernen will, kann ich sie mir von kleinen Kindern abschauen. Dabei geht es nicht um ein Er-lernen, sondern um ein Ent-lernen; um das Ent-lernen jahrzehntelang antrainierter Strategien, hinter denen ich mich selbst und meine Gefühle verstecke.

Wir dürfen von befreien ...

  • vom Aufrechterhalten einer strahlenden Fassade (mein Haus, mein Auto, aber auch: meine moralische Überlegenheit) 👼
  • von vorgetäuschter Coolness und emotionaler Teflon-Beschichtung 😎
  • von unserer Rhetorik, die uns so herrlich unangreifbar macht („Das habe ich doch so gar nicht gesagt. Ich habe ja nur mal höflich gefragt ...“☝️) 
  • von mühsam zurechtgelegten Argumenten, die zeigen sollen, dass wir im Recht sind (Subtext: „Ich bin das unschuldige Opfer!“ 🐑) 
  • von fleißig gesammelten Anklagepunkten (Subtext: „Du bist schuld und machst mir das Leben schwer!“)👨‍⚖️
  • von unserer Selbstkontrolle, auf die wir so stolz sind („Ich sage es ganz ruhig und freundlich!“)🏅
  • von allen Konventionen, die den Graben nur tiefer machen („... mit Verlaub und mit freundlichen Grüßen!“) 👔

So geht persönliche Sprache

Es ist eigentlich ganz einfach: Beschreibe, wie es gerade bei Dir ausschaut! Am besten in wenigen, einfachen und kurzen Sätzen. Und dann? Dann hältst Du inne und gibst Deinem Gegenüber Raum, auf Dich zu reagieren. Mehr ist es nicht. Ein Geben und Nehmen. Keine Technik. Kein 5-Schritte-Plan. Eher ein Geschehen-Lassen als ein bewusstes Tun.

Demnächst findest Du in unserem Blog noch mehr zu Thema „Persönliche Sprache“ und auch über das Sprechen mit Kindern. Hier findest Du noch einen Artikel darüber, warum es sich lohnt, auch über Gefühle zu sprechen.

Fürs Erste wünsche ich Dir viel Erfolg beim Ent-lernen und viel Freude am Zugewinn von Freiheit und Verbundenheit!

Beste Grüße

Michael Zahedi

Danke fürs Teilen!

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