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Die Schönheit des Abschieds

von Jasmin Zahedi

Vor etwa zwei Monaten haben Michael und ich die Entscheidung getroffen, noch vor Ende des Jahres ans andere Ende von Deutschland zu ziehen. Es ist ein lang gehegter Traum, den wir nun endlich wagen wollen. Und jetzt ist es tatsächlich so weit. Ein neues Zuhause ist gefunden, ein Kitaplatz für das Kleinkind organisiert. Beruflich haben wir uns so aufgestellt, dass wir ortsunabhängig arbeiten können. Die ersten Umzugskisten stehen schon gepackt im Wohnzimmer. Alle Kontakte, Familienangehörige, Freund*innen und Bekannte sind informiert. 

Es ist eine Zeit der Abschiede, der großen und der kleinen. Kleine Abschiede, wenn ich weiß, dass ich mit den betreffenden Menschen in Verbindung bleiben werde – sei es telefonisch oder indem wir uns gegenseitig besuchen werden. Große Abschiede, wenn ich weiß, dass wir uns wahrscheinlich niemals wieder begegnen werden. 

Wir haben uns entschieden, hier wegzuziehen. Nicht, weil wir uns gegen unseren alten Heimatort entschieden hätten, sondern eben für einen neuen Lebensabschnitt und eine neue Heimat für unsere Familie. Es gibt hier auch viel Gutes, und das wird mir in dieser Zeit ganz besonders bewusst. Für unser Kind wird es sicher keine kleine Sache sein, sich für immer von den Erzieherinnen und anderen Kindern in der Krabbelstube und Nachbarschaft zu verabschieden, die er in sein Herz geschlossen hat – auch wenn dieser Abschied in der nächsten Zeit aufgrund seines Alters ohnehin auf ihn zugekommen wäre. Es ist eben noch einmal ein anderes Gefühl, zu wissen, dass man nicht mehr zurückkommen wird, noch nicht einmal, um am Fenster zu winken oder kurz „Hallo“ zu sagen. 

Was bleibt? Ich spüre Dankbarkeit. Dankbarkeit, nicht nur für Menschen, die uns nahe stehen, sondern auch für die, die vermeintlich nur ihren Job gemacht haben – und uns  doch so viel mehr gegeben haben. Kein Dienst nach Vorschrift, sondern aus Berufung und Leidenschaft. Da wäre die behutsame Begleitung, die unser Kind in der Krabbelstube erfahren durfte und die tatsächliche Entlastung, die uns Eltern dadurch zuteil wurde. Dann die achtsamen und fachkundigen Ärzt*innen, die uns unserer dieser Zeit an diesem Ort zu Seite standen und in deren fachkundige Hände wir unsere Gesundheit und jene unseres Kindes gelegt haben. Ob in der kinderärztlichen Gemeinschaftspraxis, beim Kindernotdienst, bei der HNO-Ärztin, der Gynäkologin, die meine Schwangerschaft begleitete, oder beim Hausarzt – sie alle haben dazu beigetragen, dass wir uns hier gut aufgehoben fühlten. Selbst das Personal beim Finanzamt hat immer freundlich und hilfreich auf unsere Fragen und Nöte geantwortet. 

Michael und ich bemühen uns, diese Dankbarkeit auch den entsprechenden Personen mitzuteilen. Ob im Kündigungsschreiben für die Krabbelstube, bei den letzten Vorsorgeuntersuchungen bei den jeweiligen Ärzt*innen oder postalisch mithilfe einer Dankeskarte. Es sind berührende Begegnungen, die sich daraus ergeben. Mit Menschen, die für ihre Berufung leben. Menschen, die tatsächlich versuchen, mit ihrer Arbeit ihren Teil zum Guten in der Welt beizutragen. Die mit Empathie und Zuneigung auf die blicken, mit denen sie tagtäglich zu tun haben. In unserem Stadtteil leben viele Menschen, die von der Gesellschaft und der Politik im Stich gelassen werden. Wir durften auch die kennenlernen, die tagtäglich für sie da sind. Freundlich und kompetent, egal wer ihnen gegenübertritt. Ich weiß, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. 

Diese Momente sind kostbar für mich. Es tut gut, sich gegenseitig Gutes für den weiteren Weg zu wünschen. Es tut gut, in dieser verrückten Zeit zu merken, dass es Menschen gibt, die offenen und reinen Herzens sind. Und es tut gut zu sehen, dass die Menschen, mit denen ich spreche, sich mit uns mitfreuen. Sie freuen sich, dass wir ihre Leidenschaft  für ihre Arbeit wahrgenommen haben. Sie freuen sich, dass wir mit Hoffnung in unsere Zukunft blicken. Sie wünschen uns aufrichtig alles Gute – und wir ihnen.  

Ich hoffe, es gelingt mir, ein wenig der Schönheit dieser Abschiede mitzunehmen und generell in meine Begegnungen mit anderen Menschen einfließen zu lassen. Mehr Achtsamkeit, mehr Dankbarkeit, mehr Nächstenliebe in die alltäglichen Interaktionen hineinzutragen. Wertschätzung und Dankbarkeit spürbar zu machen. Ich denke, das würde uns allen gut tun.

Wem gegenüber fühlst Du Dich dankbar und hast Du dieses Gefühl schon einmal mitgeteilt? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

Deine

Jasmin Zahedi

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