Einerseits sorgt das Eltern-Dasein dafür, dass wir erwachsener und vernünftiger sein müssen. Keine endlosen Netflix-Abende mehr, wenn früh am nächsten Morgen ein Kleinkind auf der Matte steht. Andererseits sorgt das Elternsein wiederum dafür, dass wir tagtäglich mit unserem inneren Kind konfrontiert werden. Auch mit dem inneren Spiel-Kind. 😉

Unser Dreijähriger bekommt jeden Wochentag einen ganzen Euro Taschengeld. Das haben wir uns aus der Freien Schule Frankfurt abgeschaut, wo das seit Jahrzehnten so gehandhabt wird. So kann Tommy seine ersten Erfahrungen mit dem Sparen und Geldausgeben machen, ein natürliches Gespür für Zahlen und Preise entwickeln. Vor allem braucht er uns nicht anzubetteln oder um den Finger zu wickeln, wenn er sich etwas kaufen möchte. 

Eine Nebenwirkung dieser Entscheidung ist, dass Jasmin und ich jetzt regelmäßig mit unserem Sohn in jenen geheimnisvollen, irgendwie aus der Zeit gefallenen Sehnsuchtsorten aufkreuzen, die sich Spielzeugläden nennen.

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Mein Verhältnis zu diesen Geschäften wechselt zwischen Zu- und Abneigung, Liebe und Hass. Alles so schön bunt hier! 🍭 Aber nüchtern betrachtet auch viel biederer Kitsch. Paw Patrol und Prinzessin Lillifee zwischen preisgekrönten Kinderbüchern von Kunst- oder Germanistikstudent*innen; so kunstvoll und geistreich, dass kein normales Kind etwas damit anzufangen weiß. Geschlechterstereotype aus den 50ern (nur nicht so progressiv), Rassismus, Exotismus, Klassismus in allen Ecken. 🤭 Liebloser Plastik-Ramsch aus China neben absurd Teurem für Eltern, die es sich leisten können, Ihren Lifestyle zur Schau zu stellen: pastellfarbenes Holzspielzeug für Waldorf-Eltern, dänisches Design für Hipster, Märklin-Züge für Nostalgiker.

Dass man mich nicht falsch versteht: Jedem Tierchen sein Plaisierchen! Nur: Wie entspannt kann das Spiel mit einer 800-Euro-Lok eigentlich sein? Ist man am Ende vielleicht ganz froh, wenn das Kind viel lieber mit Papas Smartphone spielt, das immerhin nur die Hälfte gekostet hat? Lässt man die Kinder, spielen sie ohnehin viel lieber mit allem anderen als mit Spiel-Zeug. Gerade die kleinen Freigeister, Entdecker*innen, Kreativen und Experimentierfreudigen. Und falls sie doch mal mit Spielzeug spielen, dann selten so, wie von den Erwachsenen vorgesehen 😜

Spiel und Spaß sind ein Zweck an sich. Dachte ich. Aber das meiste Spielzeug verfolgt heute pädagogische Zwecke. Da stehen dann schon auf der Verpackung von Babyrasseln Kaufanreize wie: „Unterstützt die Beweglichkeit und Fingerfertigkeit“, „Fördert die Hand-Auge-Koordination/die Kreativität/die Reaktionsfähigkeit“. Juhu, beste Voraussetzungen für ein innovatives, flexibles und teamfähiges Kleinkind! In der Abteilung für Vorschul- und Schulkinder vergeht einem dann auch das letzte bisschen Spaß! Kein Wunder, es geht ja auch um den Ernst des Lebens und Überlebens im Kapitalismus 🧐 Hier wird das Spiel dann endgültig zum (Lern-)Zweck. Wie wäre es mit „Fit zum Schuleintritt“ oder „Konzentration und Wahrnehmung ab 5 Jahre“? Wenn das keine Zutaten für eine unbeschwerte Kindheit sind!

Vom Ressourcenverbrauch und ökologischen Wahnsinn möchte ich erst gar nicht sprechen. In den ersten drei Lebensjahren hat Tommy von uns nur Second-Hand-Spielzeug bekommen. Ich freue mich schon drauf, wenn wieder Flohmärkte stattfinden. Und auch, wenn er alt genug sein wird, sich Gebrauchtes im Internet auszusuchen.

So viele Statussymbole, so viel Instrumentalisierung der Kinder als Konsument*innen, so viel Formung für eine Erwachsenenwelt, die nicht hinterfragt sein möchte. So viel Beschäftigungstherapie, damit die Erwachsenen ihre Ruhe haben. Was für ein schaler Ersatz für echte Verbindung und gemeinsame Zeit! So viel Betäubung für den Horror Vacui und das schlechte Gewissen, wenn Erwachsene keinen Zugang zu den Kindern finden (den inneren und den äußeren). So viele Versprechen von Glück und Freude. Eingeschweißt, aber niemals eingelöst.

Und dennoch gehe ich immer wieder gerne hin, in die gut sortierten Spielzeugläden. Ich staune, wofür unser Sohn sich dort interessiert und wofür nicht. Es gibt halt doch auch viel Kreatives und Raffiniertes, vieles, das Geist und Fantasie anregt, Lust zum Entdecken, Erforschen und Tüfteln macht. Und Liebevolles von Erwachsenen, die Kinder verstehen und selbst im Herzen welche geblieben sind. Unterm Strich bin ich trotz allem froh, dass es diese Läden noch gibt. Wie geht es Dir damit?

Liebe Grüße!

Michael Zahedi

Danke fürs Teilen!

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