Blog

So gelingt die Wiedereingewöhnung in Krippe und Kita

von Michael Zahedi

Täglich erscheinen neue Mitteilungen darüber, in welchen Bundesländern und unter welchen Auflagen Krippen und Kindertagesstätten wieder öffnen. Was können wir als Eltern dazu beitragen, den Wiedereinstieg für unsere Kinder gut zu gestalten? Dazu führt Jasmin ein Interview mit der Kindheitspädagogin Lea Wedewardt. Lea ist Dozentin an einer Erzieherinnen-Fachschule und widmet sich auch als Bloggerin und Podcasterin der bedürfnisorientierten Betreuung in Kindertageseinrichtungen.

Hi, Ich freue mich total dass du heute da bist!

Hallo, ja, ich freue mich auch sehr, danke für die Einladung!

Ja, sehr gerne. Vielleicht gleich zur ersten Frage: Wie bekommst du denn gerade selber Beruf und Familie unter einen Hut?

Ich muss sagen, mir bekommt diese Zeit sehr, sehr gut. Das geht vielen anderen vermutlich nicht so. Ich habe einfach eine sehr luxuriöse Situation, weil ich momentan in Elternzeit bin. Ich bin ohnehin zu Hause und genieße die Zeit mit den Kindern. Die Kinder waren auch vorher häufig zu Hause. Die sind in die Kita gegangen, aber die hatten immer zweimal die Woche einen „Zu-Hause-Tag“. Von dem her kennen wir das auch schon ein bisschen, es uns zu Hause schön zu machen. Ich muss dazu sagen: Wir leben auf dem Land. Wir haben ein großes Grundstück für uns und haben auch einen Garten, wo wir jederzeit raus können und Kinder drumherum, die auch immer mal wieder vereinzelt zu Besuch kommen. Und deswegen haben wir natürlich eine sehr luxuriöse Situation und ich muss sagen, ich sehe vielmehr die Vorteile, als die Nachteile. Ich finde, auch es hat so etwas von Entschleunigung und „Zu-sich-Kommen”. Also ich mag es sehr, muss ich sagen.

Ah ja, das ist interessant. Ich finde es schon anders, also ich finde es schon stressiger, weil wir ja beide berufstätig sind und dann im Homeoffice versuchen, irgendwie noch etwas zu reißen, und gleichzeitig Tommi betreut werden will und noch in einem Alter ist, wo er sich einfach noch nicht selber beschäftigen kann. Und, ja, bei mir ist es schon eher so, dass ich tatsächlich der Kita-Öffnung ein bisschen entgegenfiebere. Wobei das, glaube ich, in recht weite Ferne gerückt ist. Hier in Hessen hieß es, dass ab dem 2. Juni der Regelbetrieb starten solle. Und jetzt haben sie es doch geändert, dass nicht alle Kinder wieder rein können in die Kita, sondern lediglich die Notbetreuung ein bisschen erweitert wird. Wir sind da also nicht dabei. Ich habe jetzt gar nicht erwartet, dass unbedingt die Kita ganz normal weiter geht – das fände ich auch ein bisschen komisch. Aber zwei Tage die Woche wären schon schön.

Ja, ich kann mir das so gut vorstellen. Also manchmal geht’s mir auch so, dass man zumindest mal ein bisschen Zeit zum Durchatmen haben möchte. 24 Stunden! Mit kleinen Kindern ist das ja auch nachts manchmal nicht der Fall, einfach mal einen Moment für sich zum Durchatmen zu haben. Also das empfinde ich schon auch so, dass das unbedingt notwendig ist, weil nur wenn man selber entspannt ist, kann man auch entspannt mit den Kindern umgehen.

Genau, das merke ich auch total, dass es dann teilweise schwierig ist, wenn ich schon mit dem Kopf irgendwo anders bin und eigentlich lieber gerade etwas anderes machen würde. Dann geht’s bergab. Aber ich finde es auch ganz interessant, weil man daran auch sieht, wie unterschiedlich diese Situation sich auf die unterschiedlichen Familien auf die einzelnen Familienmitglieder auswirkt und, dass man jetzt nicht sagen kann: Dieses Virus ist „the great equalizer”, also die Situation, die uns alle irgendwie gleich macht und von der wir alle gleich betroffen sind. Sondern es ist schon auch unterschiedlich.

Sehr unterschiedlich, und wir müssen schauen, wie jede einzelne Familie damit klar kommen kann. Ich habe eine Freundin in Valencia. Da ist das noch mal verschärft, da durften die wirklich gar nicht raus und waren dann für vier Wochen mit ihren Kindern in der Wohnung. Und, dass man sich da irgendwie auf den Geist geht, das ist einfach völlig normal. Es ist ja auch einfach keine „artgerechte Haltung”.

Und wie ist das jetzt, wenn bei euch die Kitas wieder öffnen? Ich habe gestern noch mal recherchiert, dass in Brandenburg – da wohnst du ja – ab dem 25. Mai für mindestens einen Tag pro Woche wieder für alle Kinder die Kitas geöffnet sein sollen.

Ja, es soll für alle Kinder einen Tag pro Woche für vier Stunden wieder geöffnet werden.

Ok, und das heißt, dass deine Kinder dann auch schon wieder loslegen können?

Sie könnten loslegen. Ich bin da aber ganz entspannt. Bei mir ist es halt so, dass ich die Kita als Ort sehe, wo meine Kinder hingehen können, um sich mal mit den Freunden zu treffen, um mal eine schöne Zeit zu haben und dann auch wieder nach Hause können. Und momentan ist der Drang meiner Kinder noch gar nicht so groß, also die fühlen sich auch ganz wohl zu Hause. Von dem her sind wir da auch relativ entspannt und schauen mal, wann uns das wichtig ist, dass die wieder in die Kita gehen. Aber das geht vielen anderen wahrscheinlich nicht so. Also, mein Kleiner, muss ich dazu sagen – er ist fast zwei Jahre alt – der hatte schon eine Eingewöhnung angefangen. Wir haben dieses Thema, was jetzt immer wieder vorkommt und was mich auch sehr beschäftigt: Wir haben dieses Jahr eine Eingewöhnung angefangen und eigentlich war er dann so weit, dass er schon ein bisschen da geblieben ist. Und dann kam Corona und jetzt ist es so, dass wir eigentlich wieder mit der Eingewöhnung anfangen müssen. Und deswegen werde ich auch warten müssen, bis die Kinder wieder jeden Tag hingehen können. Ich stelle mir das schwierig vor; eine Eingewöhnung, wenn wir nur einen Tag die Woche da sein könnten. Das funktioniert einfach nicht. Und die Frage ist ja auch, wie die das handhaben in unserer Einrichtung, dass die Eltern gar nicht mit rein dürfen. In manchen Einrichtungen ist das ja eine große Frage. Also eine Eingewöhnung ist für meinen Sohn super wichtig, weil er eigentlich da jetzt eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr war. Das ist gar kein Teil seines Lebens mehr. Aber wenn ich da nicht mit rein darf, frage ich mich schon, wie eine Wiedereingewöhnung stattfinden soll.

Ja, das waren auch Gedanken, die mir durch den Kopf gegangen sind. Also zum einen: Was ist mit Kindern, die gerade in der Eingewöhnung waren und die jetzt den Faden wieder verloren haben und von vorne anfangen müssen? Und was ist mit Kindern, die jetzt eigentlich einen Platz bekommen hätten, also eigentlich hätten eingewöhnt werden sollen? Und, wenn jetzt an einem Tag pro Woche die Kita geöffnet ist, hätte ich da Bedenken. Selbst für Tommy, der ja bereits eingewöhnt war. Für ihn sind es jetzt ungefähr fünf Monate, in denen er wirklich gerne da hin gegangen ist und sich da wühl gefühlt hat. Aber, wenn ich jetzt überlege, er könnte nur einmal die Woche hin, wüsste ich auch nicht, ob das dann für ihn nicht ein bisschen zu wenig wäre. Da frage ich mich auch manchmal: Wie lebensnah sind jetzt die Politiker*innen? Haben die sich auch mal Gedanken gemacht, wie Kinder überhaupt „funktionieren”?

Das ist eine große Frage, die viele beschäftigt, auch mich als Kindheitspädagogin. Man kann bei allem irgendwie die Vor- und Nachteile sehen. Und es kommt nun so wahnsinnig auf das Kind an. Es gibt immer eine ganze Bandbreite von Kinder-Persönlichkeiten. Zum Beispiel meine Tochter war bis jetzt, also bis sie fünf war, ein absolutes „Rockzipfel-Kind”. Das heißt, sie brauchte unglaublich die Verbindung, die Sicherheit, dass jemand immer in ihrem Background ist. Sie ist ein ganz starkes „Bindungskind”, also sie braucht ganz viel Orientierung, eine Person, die für sie da ist, damit sie sich festkrallen kann, um dann ganz, ganz, ganz langsam irgendwelche Schritte in die Autonomie zu unternehmen. Sie bräuchte, wenn Sie jetzt noch kleiner wäre, unbedingt eine neue Eingewöhnung. Also sie ist jetzt fast sechs, jetzt langsam wird sie auch autonomer. Also an alle Eltern: Auch „Rockzipfel-Kinder” werden autonom! Sie brauchen nur länger, aber da braucht man keine Angst haben und sollte immer nötige Geborgenheit und Bindung geben. Das ist einfach ein Persönlichkeitsthema. Sie bräuchte unbedingt eine Eingewöhnung, wenn sie jetzt drei oder zwei wäre. Sie müsste eine Wieder-Eingewöhnung bekommen, sonst hätte sie wirklich einen enormen Stress. Mein Sohn hingegen, der ist ein sehr autonomes Kind, auch wenn er jetzt eine neue Eingewöhnung machen sollte, wie ich finde, weil er eben gerade in der Eingewöhnung war. Ich weiß ich einfach: So viel Zeit braucht er da wahrscheinlich nicht, weil er jemand ist, der, wenn er in eine neue Situation kommt, da reingeht und ins Spiel kommt und keine Probleme hat, sich zu lösen. Das heißt, es gibt eine wahnsinnige Bandbreite an Kindern und deswegen gibt es da auch keine pauschale Antwort, welches Kind wie eine Wiedereingewöhnung braucht oder nicht. Und die Sicht der Kinder ist einfach sehr wenig im Zentrum. Also wenn dann rechtlich gesehen Regelungen getroffen werden, sind die Sichten der Kinder einfach nicht im Zentrum.

Ja, das wäre jetzt meine nächste Frage: Wie müssen wir das uns aus der Perspektive eines Kindes eigentlich vorstellen, nach so langer Zeit wieder in die Kita zu kommen und das vielleicht sogar unter neuen Bedingungen? Die Gruppe ist vielleicht noch mal anders zusammengesetzt, vielleicht tragen Erzieherinnen Mundschutz. Wie müssen wir uns das vorstellen?

Ja, genau da gibt es eben auch wieder keine pauschale Antwort. Also, das ist ja immer mein Anliegen, zu sagen: Wir müssen die Bedürfnisse der einzelnen Kinder sehen! Da gibt es eben die Kinder, die freuen sich so wahnsinnig auf ihre Freunde und die wollen unbedingt wieder in die Einrichtung, weil es so anstrengend war zu Hause und weil man da so viel aneinander gerät und weil es so langweilig ist. Das heißt, die kommen in die Einrichtung und die sind glücklich, egal welche Umstände da sind. Denen ist egal, ob die Fachkraft einen Mundschutz trägt, es ist egal, ob da eine neue Konstellation ist, Hauptsache der eine Freund ist da. Dann gibt es aber auch die Kinder, die sind super gerne zu Hause, zum Beispiel hochsensible Kinder. Die sind sehr gerne zu Hause und denen ist das auch häufig zu viel in den Einrichtungen.

Denen ist es sowieso zu viel?

Es ist zu laut, es sind zu große Gruppen, es ist zu viel körperliche Nähe, es ist zu viel Konflikt. Es fehlt ihnen eine Bindungsperson, an die sie sich anschmiegen können. Für die ist das eh schon immer eine sehr große Herausforderung. Und für sie wird auch dieser Wiedereintritt in die Kita eine sehr große Herausforderung sein, also noch größer als sie ohnehin ist. Das heißt, für sie wird das sehr irritierend sein, wenn da eine Fachkraft ist mit Mundschutz. Für sie wird es sehr irritierend sein, wenn da nicht ihre Bezugserzieherin da ist. Für sie wird es hochirritierend sein, wenn die in einem anderen Raum sind. Für die wird es hochirritierend sein, wenn da andere Kinder mit dabei sind. Für die wird es alles schwierig sein und bei diesen Kindern sage ich auch: Bitte, eine Wiedereingewöhnung ist ein Muss! Und dann gibt es noch das Thema, dass die Kinder an der Tür abgegeben werden sollen. In Bayern haben die so etwas, dass die Kinder dann auf eine Decke gesetzt werden und dann übernimmt die Erzieherin die Kinder von der Decke, damit kein Körperkontakt zwischen Eltern und Erzieherin stattfindet. Das ist für Krippenkinder ein No-Go-Szenario. Also ich weiß gar nicht, wie das gehen soll. Im Moment ist da doch diese Hygienevorschrift im Mittelpunkt, aber was das letztlich an, auch gesundheitlichen, Folgen für manche Kinder haben kann, wenn die dann so traurig sind, weil sie eigentlich diese direkte Übergabe brauchen, weil sie da den Halt brauchen, was das dann für die psychische Gesundheit bedeutet: Das kann bedeuten, dass sie einen langen inneren Stresspegel haben zum Beispiel, der gar nicht abgebaut werden kann, weil sie das so irritiert.

Also was mich dabei bewegt, ist die Frage der Einrichtungsqualität. Es gibt ja auch bei den Einrichtung sehr große Qualitätsunterschiede, leider. Es gibt Einrichtung, die wirklich ganz toll auf die Bedürfnisse der einzelnen Kinder eingehen, und es gibt Einrichtungen, die tun das eben nicht. Und ich traue schon einer Einrichtung, die sensibel und achtsam mit den Kindern umgeht, zu, dass sie auch solche merkwürdigen Dinge durchaus händeln kann und damit dann umgehen kann, wenn das in einem guten Rahmen stattfindet. Aber bei einer Einrichtung, die vorher schon nicht besonders bedürfnisorientiert war und die vorher schon nach dem Motto gearbeitet hat „Kreisch mal nicht so viel jetzt und mach mal nicht so einen Kasper!“, kann ich mir nicht vorstellen, dass die das dann gut hinbekommt. Das kommt aus der Perspektive der Kinder noch etwas: Wir Erwachsene machen uns manchmal nicht klar, wie schnell für Kinder eine Zeit wieder vergessen geht, also wie schnell sich quasi Erinnerungen überschreiben. Wenn ein Kind zwei Monate lang nicht in der Einrichtung ist, hat es in der Zwischenzeit so viele andere Erlebnisse gehabt und so viele neue Verbindung in seinem Gehirn geknüpft, dass das schon auch wieder was völlig Neues sein kann, wenn das Kind dann in die Einrichtung kommt. Ich kann mich selber noch aus meiner Kindheit erinnern, aus der Grundschulzeit, dass ich jedes Mal nach den großen Sommerferien irgendwie so ein Befremdungsgefühl hatte und beispielsweise dachte: „Der sieht ja komplett anders aus!“, weil Kinder entwickeln sich ja auch so schnell. Sie verändern sich selbst, aber die anderen Kinder verändern sich auch, sehen dann vielleicht total anders aus. Ich kann mich da noch total dran erinnern, wie ich dann in die Schule kam und bei den Kindern, die ich lange nicht gesehen hatte, dachte: „Der sieht ja komplett anders aus und die sieht ja auch komplett anders aus!“ Und das machen wir uns als Erwachsene, glaube ich, nicht immer so klar, wie massiv auch dieser Zeiteffekt für die Kinder sein kann. Für die Eingewöhnung hatte ich jetzt eben noch mal so eine Idee: Ob man so etwas nicht auch draußen machen könnte jetzt bei dem Wetter? Also, dass da die Möglichkeit hätte, Sicherheitsabstände einzuhalten und gleichzeitig, dass eben Eltern noch dabei sein können und Erzieher*innen dann mit dem Kind interagieren können. Das ist natürlich auch vielleicht leichter gesagt als getan …

Also tatsächlich gibt es auch Kinder, die sehr unsicher reagieren, wenn man draußen ist. Das merkt man vielleicht auch bei den eigenen Kindern: Wenn man im Raum ist, dann spielen die häufig sehr frei und sicher und, sobald man rausgeht, in eine unbekannte Situation, wollen die schnell auf den Arm. Draußen zu sein, kann für kleine Kinder auch Unsicherheit bedeuten, weil evolutionsbiologisch gesehen, wenn man draußen war, bedeutete das immer mehr Gefahr und deswegen kann das auch bei Kindern zu mehr Unsicherheit führen. Das kommt wieder auf das Kind an. Manche fühlen sich auch draußen wohler und entspannter, also da muss man auch wieder das Kind anschauen.

Ja, das ist lustig, dass du das sagst. Tommy war genau so ein Kind, das immer, wenn wir raus gegangen sind auf den Spielplatz, erst einmal eine Dreiviertelstunde auf dem Arm verbracht hat. Da konnte man fast die Uhr danach stellen, das war wirklich eine Dreiviertelstunde und dann war er soweit, sich die Umgebung wirklich anzuschauen sich darauf einzulassen. Das war für andere Eltern oft befremdlich und wir selber mussten uns da auch erst einmal dran gewöhnen, dass unser Kind so tickt. Wenn man die ganzen anderen spielenden Kinder so sieht, die sich einfach so „reinschmeißen“ in die Situation und sich alles angucken, und das eigene Kind sitzt so auf dem Arm … Aber ich finde es wichtig, sich darauf einzulassen, weil jedes Kind soll ja so akzeptiert werden, wie es nun mal ist. Es bringt auch nichts, zu versuchen, ein Kind zu forcieren, dass es eigenständiger ist, als es ist. Und auch da kann ich jetzt wieder bestätigen: Wir haben ihm diese Nähe gegeben und er ist jetzt auch autonom und selbständig. Und er geht jetzt auch auf den Spielplatz und guckt sich alles an und entscheidet, was er spielen will. Da kann man auch ein bisschen auf die Kinder vertrauen.

Ja, es gibt viele Kinder, die müssen sich das alles erst mal aus der Ferne angucken und erstmal auf diese Weise Sicherheit gewinnen und dann alles abchecken. Und irgendwann ist die innere Sicherheit da. Und wenn man vielleicht zum zehnten Mal auf diesem Spielplatz war, dann weiß das Kind: Ah, so läuft der Hase! Und dann können sie vom Schoß springen.

Was meinst du denn: Wie können Eltern ihre Kinder gut begleiten bei dieser zweiten neuen Eingewöhnung?

Die Transitionsforschung, also die Übergangsforschung, sagt, dass es mit sehr verschiedenen Gefühlen einhergeht, so ein Übergang. Und das hat natürlich mit immer mit Abschied zu tun, so ein Übergang, also mit Trauer. Und es hat aber auch etwas mit Vorfreude zu tun, mit Neugierde, aber auch meistens mit Stolz. Also ein Übergang hat immer sehr viele Facetten von verschiedenen Gefühlen und diese Gefühle kann man natürlich aufgreifen als Eltern, also je nach Kind. Das Kind ist vielleicht traurig, weil es nicht mehr zu Hause bleiben kann, dann kann man darauf eingehen und das Gespräch suchen und das immer wieder thematisieren, dass es jetzt bald wieder in die Kita geht: „Jetzt schlafen wir noch drei mal und dann darfst du wieder zu XY (Name der Erzieherin oder des Erziehers).“ Man kann es auf jeden Fall verbal sehr gut vorbereiten. Wenn dann ein Gefühl spürbar ist, also so etwas wie vielleicht eine Trauer, dann kann man das besprechen. Das finde ich immer wichtig in dieser Bedürfnisorientierung, dass wir den Fokus auf die Gefühle haben, also vielleicht so etwas wie: „Schade, das war echt eine schöne Zeit, ich fand es auch wirklich sehr schön. Wir haben so schön zusammen hier gespielt. Und das ist auch so eine Wehmut. Ich spüre das. Also du fandest es schon schön zu Hause, also Du bist jetzt ein bisschen traurig, dass du jetzt wieder in die Kita sollst?“ Man kann dann dieses Gefühl aufgreifen.

Also den Gefühlen Raum geben?

Genau, aber zum Beispiel jetzt nicht die Trauer thematisieren, wenn die gar nicht da ist. Man muss keine Trauer heraufbeschwören, weil man selber traurig ist. Das ist der bedürfnisorientierte Weg, auch zu spüren: Was ist denn mein eigenes Gefühl? Vielleicht bin ich ja auch traurig und das Kind gar nicht. Dann kann ich das aber auch sagen: „Ja, ich bin bisschen traurig. Ich merke du bist nicht traurig.“ Ich meine, es ist auch eine Wertschätzung für die Kinder. Aber wenn das Gefühl zum Beispiel Vorfreude ist und „Das ist so langweilig hier!“ und „Ich will unbedingt wieder in die Kita, ich vermisse das so, diese Spielsachen dort!“, dann kann man das auch thematisieren. Dann kann man sagen: „Du scharrst schon richtig mit den Hufen? Du willst nicht mehr hier sein?“. Quasi die Gefühle verbalisieren, aber auch die Beweggründe und das, was damit einhergeht. „Die Spielsachen hier die kennst du jetzt schon alle du brauchst jetzt mal wieder die Spielsachen von der Kita, stimmt’s? Vermisst du da ein Spielzeug besonders?“ Man kann quasi schon allein durch ein Gespräch eine Verbindung schaffen zwischen Einrichtung und zu Hause.

Und das auch schon bei ganz kleinen Kindern.

Unbedingt. Also mein Zweijähriger, der versteht alles.

Ja, ich denke auch bei Tommy: Der versteht alles, und das auch schon, seit er ganz klein war. Nicht alles im Sinne von „alles, worüber wir Erwachsenen reden“, aber alles, was seine eigene Lebenswelt betrifft.

Genau, absolut, und wenn sie nicht jedes einzelne Wort verstehen, verstehen sie den Gefühlsinhalt, also sie verstehen dann, dass es etwas ist, was gerade der Mutter oder dem Vater ein großes Anliegen ist. Mitschwingen und Empathie sind ja wesentliche Bedürfnisse von uns Menschen. Also das heißt, wenn jemand nur unseren momentanen Zustand versteht, die Gefühle, Bedürfnisse, Beweggründe, dann ist das schon ein sehr befreiendes Gefühl, weil da jemand mit mit mir schwingt mit und ich mich verstanden fühle. In vielen Fällen reicht sowas schon aus.

Danach sehnen wir Erwachsenen uns ja auch oft.

Ja, absolut.

Und die Kinder natürlich noch mehr. Die brauchen das noch mehr.

Du hast vorhin die Qualität von Einrichtungen angesprochen. Ich sehe auch Einrichtungen, die machen gar keine Eingewöhnung mehr, also gar keine Wiedereingewöhnung. Einfach: ”Zack, Kind rein!“ Es ist einfach ein Unding! Egal welches Kind, egal welcher Charakter, egal was: ”Zack, Montag Kind dahin. Tschüß!“ Es sind sehr unterschiedliche Einrichtungen, die es da gibt. Und, genau, wie du es auch gesagt hast: Die, die davor schon sehr wenig bedürfnisorientiert und gefühlsnah und achtsam gearbeitet haben, die werden es jetzt auch nicht tun. Die haben auch kein Gefühl und Gespür für Bedürfnisse und da wird es dann auch für Kinder problematischer sein, als in Einrichtungen, die dazu eher den Zugang haben. Und die werden, glaube ich, auch eine gute, kreative Lösung finden zwischen dem Schutz der Fachkraft und den Bedürfnissen der Kinder. Also mal ein „Kuckuck!“ und die Maske herunterziehen und „Hallo, hier bin ich!“ oder so etwas. Und, wenn es darum geht, die Kinder vorzubereiten: Es gibt ja auch Einrichtungen, die sehr stark in Kontakt geblieben sind mit den Kindern. Also das heißt, dass zum Beispiel Briefe geschrieben wurden oder Videos geschickt wurden oder Lieder, die regelmäßig per Video zugänglich waren. Und das ist natürlich eine andere Verbindung, die da bestehen geblieben ist, als wenn jemand sich gar nicht gemeldet hat. Und das erlebe ich tatsächlich sehr häufig, dass die Einrichtungen keinen Kontakt gehalten haben. Trotzdem, dass meine Tochter fast sechs Jahre alt ist, ist keine Verbindung da. Selbst für mich fehlt eine Verbindung. Wenn es sehr kleine Kinder sind, ist das mit den Videos natürlich schwierig. Die können das noch nicht abstrahieren.

Und können auch nicht unbedingt so viel damit anfangen…

Genau, aber je älter sie sind, desto schöner ist das natürlich auch, wenn da das Gesicht immer mal wieder da ist, die Stimme, die Sprache. Und dann ist natürlich die Verbindung mehr noch gehalten, als wenn gar kein Kontakt stattgefunden hat. Manche Einrichtungen haben auch eine kleine Aufgabe gestellt um die Osterzeit. Dass die Kinder zur Einrichtung laufen können, dort ein Bild anheften und sich dafür ein Ei mitnehmen oder so etwas. Dadurch ist dann auch eine Verbindung geblieben. Und die Kinder starten dann auch wieder anders, als Kinder, die gar keinen Kontakt hatten. Und die Eltern können natürlich auch noch mal über die Erzieherin oder den Erzieher sprechen und noch mal sagen: „Wo ist denn gerade die Lisa, vielleicht ist sie gerade schon in deiner Gruppe. Und die bereitet da bestimmt schöne Sachen für euch vor.“ Und: „Guck mal, wir schauen uns noch mal das Video an!“ Und: ”Guck mal da, die Lisa, die singt jetzt für dich!“ Dann können wir vielleicht das Lied mehrere Tage hintereinander singen und so kann man natürlich schon wieder eine Verbindung fördern, dass es wieder im Gedächtnis ist. Dieser Zeitaspekt, den du vorhin genannt hast, der ist schon sehr gravierend, weil Kinder erst ab drei Jahren ungefähr anfangen, ein Zeitgefühl zu entwickeln. Davor ist das so ein bisschen: „Ich lebe nur im Moment und was davor war, was danach kommt, ist mir auch egal!“

Was ich auch gedacht habe, was man vielleicht auch proaktiv machen kann, selbst wenn jetzt die Kita keinen Kontakt hält: Einfach mit dem Kind mal vorbeigehen an der Kita und mal gucken. Tommys Kita hat Briefe geschickt und die haben ihn irgendwie nicht so richtig gejuckt, muss ich ganz ehrlich sagen. Da waren Fotos dabei, die hat er sich dann angeguckt, aber so richtig hat es ihn nicht gejuckt. Am Anfang haben wir als Eltern das auch gemacht, dass wir so alle paar Wochen mal Fotos geschickt haben von den Kindern. Dass wir die uns noch mal angeguckt haben. Das finde ich auch eine gute Idee. Also wenn ihr mit den anderen Eltern vielleicht in einer WhatsApp-Gruppe oder anderweitig vernetzt seid und ihr irgendwie die Möglichkeit habt, euch Fotos zukommen zu lassen. Wenn jetzt für Tommy die Einrichtung losgehen würde, dann würde ich mal die anderen Eltern fragen: „Wollen wir noch mal eine Runde Fotos schicken?“ Für ihn war das total gut, als wir da vorbeigegangen sind. Es gab von seiner Kita so eine Aktion, dass die Erzieher*innen vorgeschlagen haben, dass wir einen Stein bemalen und den dort hinlegen. Das haben wir dann gemacht und es war für ihn zum Teil ein bisschen verstörend, weil wir haben ihm immer gesagt, die Kita sei abgesperrt, und dann waren da aber doch Kinder und dann war da aber doch die eine Erzieherin. Da habe ich gemerkt, dass es in ihm so ein bisschen „gerattert“ hat: „Wie kann das jetzt sein? Das war doch abgesperrt! Wieso ist das jetzt doch offen? Ich will jetzt gerne der Erzieherin selber den Stein geben und den nicht da einfach hinlegen!“. Das war für ihn komisch, aber trotzdem hat es ihm so für die Erinnerung an die Einrichtung viel gebracht, noch mal da vorbeigegangen zu sein. Ich glaube, selbst wenn die Erzieherinnen nicht von sich aus so etwas machen, würde ich das dann einfach machen oder vorschlagen, das zu tun. Dass man dann einfach vorbeigeht und vielleicht selber irgendetwas hinlegt, ob die dazu aufgefordert haben oder nicht.

Genau. Oder nachfragen, ob die Erzieherinnen auch mal ein Foto schicken können. Damit es immer wieder ins Gedächtnis gerufen wird. Immer wieder so ein kleines „Aha, da war doch was!“

Du selber hattest ja auf deinem Blog und in deinem Podcast ganz tolle Reflexionsfragen gestellt, also einmal an die Kinder, einmal an die Fachkräfte und auch an die Eltern. Welchem Impuls bist du dabei gefolgt, als du dir diese Fragen überlegt hast? Wie kamst du da eigentlich drauf?

Vielen Menschen fällt es schwer, sich die tatsächlichen, eigenen Bedürfnisse vor Augen zu führen. Was einem wirklich guttut und was einen wirklich antreibt, was einem wirklich hilft, sich gut in der eigenen Haut zu fühlen. Ich hatte dann den Impuls, da noch mal hinein zu fragen, also Fragen, die man an sich selber stellen kann, um noch einmal nachzuhaken. Will ich denn diesen Weg gehen, den wir eh schon immer gegangen sind vor Corona? Weil Corona, ich empfinde das auch als so eine Chance, dass man nochmal nachdenken kann: Ist das jetzt ein richtiger Weg, den ich gehe oder brauche ich auch etwas anderes? Und das ist jetzt vielleicht auch eine Zeit für Veränderung. Gleichzeitig war es mir ein Anliegen, weil es ja doch so auf die Kinder gemünzt ist, die Bedürfnisse der Kinder deutlich zu machen, damit wir die nicht vergessen. Und da Reflexionsfragen an die Hand zu geben, um herauszufinden: Was braucht denn mein individuelles Kind für diesen Wiedereinstieg? Um da zu sensibilisieren.

Ich kann dir, lieber Leser, wirklich empfehlen da mal hinzuschauen auf die Seite von Lea. Ich kann ja mal ein paar Beispiel-Fragen herauspicken. Da war einmal eine Frage an die Kinder: „Möchtest du wieder in die Kinderbetreuung oder tut dir das Zuhause sein gut?“ Oder: „Würde es dir helfen, erst einmal ein paar Stunden in die Einrichtung zu kommen und die Zeit dort nach und nach auszuweiten?“ Und dann an die Fachkräfte: „Was kannst du tun, um den einzelnen Kindern den Wiedereinstieg zu erleichtern?“ Oder auch: „Kannst du eine flexible Wiedereingewöhnung anbieten? Kannst du jedem Kind, je nach Alter, Charakter und Temperament eine individuelle Wiedereingewöhnungszeit einräumen?“ Aber auch an uns Eltern hast du Fragen gestellt, zum Beispiel: „Möchtest du dein Kind wieder in die Kinderbetreuung bringen oder hast du das Zu-Hause-Sein genossen und möchtest etwas an der Betreuungssituation ändern?“ Oder auch: „Möchtest du dein Kind wieder in die Einrichtung bringen oder musst du dein Kind wieder in die Einrichtung bringen?“ Ich fand die Fragen auch sehr spannend. Ich fand es sehr interessant, was sie wiederum in mir ausgelöst haben. Ich bin ja einerseits auch Fachkraft und vertrete auch eine bedürfnisorientierte Erziehung oder Beziehung zu den Kindern, aber selber hatte ich so eine gewisse Abwehrreaktion am Anfang. Das fand ich total spannend, weil ich dachte: „Oh, wenn ich das jetzt anspreche! Wenn ich jetzt Tommy frage, ob er wieder in die Kita möchte oder lieber zu Hause bleiben will, und der dann sagt, dass er lieber zu Hause bleiben will …“ Das ist, glaube ich, etwas, das uns häufig passiert als Eltern. Dass wir denken, wenn wir etwas aussprechen, schaffen wir eine Realität oder wir öffnen die Pforte für etwas, das wir dann nicht mehr einholen können. Und in Wirklichkeit geht es ja eigentlich darum, dass gerade die Dinge, die schwierig sind oder wo wir uns unsicher fühlen, dass es gerade da wichtig ist, auch darüber zu sprechen. Selbst wenn Tommy in sich denken würde: „Ich würde lieber zu Hause bleiben, ich will da gar nicht hin!“, und ich redete mit ihm nicht darüber dann ginge ja sein Gefühl dadurch nicht weg. Es ist ja trotzdem sinnvoll, über diese Gefühle zu sprechen. Und mich zu öffnen und zu sagen, was meine Beweggründe sind. Selbst wenn er vielleicht sagen würde: „Ich will lieber zu Hause bleiben!“ Und wenn ich sagen würde: „Ich will aber dennoch, dass du hingehst!“ Das sind ja auch innere Verhandlungsprozesse und Abwehrstrategien, die man selbst als Eltern hat.

Genau! Wenn man mit einer Empörung oder mit einer Abwehr reagiert, dann weiß man, dass es etwas mit einem selbst zu tun hat oder mit einem Konflikt, den man in sich trägt. Ich finde es wirklich toll, dass du das so ansprichst, weil das hat jetzt ganz viele Ebenen hat. Den Gedanke von Bedürfnisorientierung oder auch der bedürfnisorientierten Kinderbetreuung verstehen viele falsch. Es geht ja nicht darum, dass ich das Kind frage, was es möchte, und dann sage: „Ok, du willst das, dann machen wir das so!“ Das ist es ja mitnichten. Sondern es geht da um alle Bedürfnisse und alle Gefühle, die man in einer Situation hat und, was es in einem auslöst. Ich sehe zum Beispiel ein Kind, das ein bestimmtes Bedürfnis hat. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich dann dieses Bedürfnis erfüllen muss. Das ist wieder dieser Grundgedanke dieses wichtigen Bedürfnisses nach Empathie. Vielleicht spürst du, dass Du Dein Kind gar nicht in die Einrichtung bringen möchtest. Und dann kannst Du in Dich hinein spüren: „Was sind denn das für Gefühle, die ich damit habe? Vielleicht eine Angst?“ Das heißt aber noch nicht, dass Du diese Situation dann gleich verändern musst. Ich finde die Fragen so wichtig, um hinein zu spüren, ob ich vielleicht etwas verändern möchte. Die Voraussetzung ist natürlich, dass man sehr stark mit sich verbunden ist, also mit sich und seinen Gefühlen. Dass ich spüre, wo das herkommt und was das in mir auslöst. Das ist mir auf jeden Fall immer wichtig zu sagen: Bedürfnisorientiert heißt nicht, dass ich das dann sofort erfülle. Sondern zum Beispiel auch sage, in der Kinderbetreuung oder eben auch zu Hause: „Ach, du willst jetzt unbedingt dieses Eis“ Oder: „Du möchtest jetzt unbedingt, dass ich für dich da bin. Gleichzeitig merke ich, dass ich jetzt noch diese fünf Minuten, bis der große Zeiger oben ist, an meinem Computer sitzen bleiben möchte. Ich sehe aber, dass du dieses Bedürfnis hast!“ Und das ist noch mal ein Unterschied, ob ich etwas wahrnehme, sehe und wertschätze oder ob ich dann das Bedürfnis gleich erfülle. Es ist wichtig, das wahrzunehmen, um dann eine Entscheidung zu treffen, die für einen selbst am besten ist. Dann ist es auch zum Beispiel legitim, zu sagen: „Ich spüre, dass es in mir etwas auslöst, ich gucke da mal hin. Gleichzeitig merke ich, dass die beste Entscheidung für uns ist, dass Tommy wieder in die Einrichtung geht.“ Die Fragen an die Kinder sind auch nicht so gedacht, dass ich sie den Kindern stelle. Das könnte man teilweise, je nach Alter, aber wir Erwachsenen sind in der Verantwortung, die Fragen stellvertretend an die Kinder zu stellen, weil wir ja unsere Kinder kennen und wissen: Wie sind die so drauf? Wie würden die antworten? Man kann sie teilweise stellen, trotzdem haben wir die Verantwortung. Also, wir können nicht die Verantwortung an die Kinder übergeben und sagen: „Ach, du willst nicht in die Einrichtung, okay dann machen wir das so.“

Ja, genau, oder: „Du willst nicht in die Einrichtung, aber du gehst trotzdem hin, basta!“ Ich kann Dir, liebe*r Leserin auf jeden Fall empfehlen, dass du dir diese Fragen von Lea einmal anschaust. Und, wenn du eine Abwehrreaktion hast, das wirklich auch mal sacken zu lassen und noch einmal tiefer hinein zu spüren.

Genau. Ich habe auch tatsächlich ganz schnell Reaktionen von Fachkräften bekommen im Sinne von: „Nee, das geht nicht, das können wir nicht machen!“ Und das ist dann wieder so sehr auf der Verhaltensebene. Aber es geht mehr um dieses Tiefer-rein-Spüren. Wie man sich dann letztlich verhält, steht auf einem anderen Papier.

Ich finde auch, dass die Haltung, mit der man an Dinge rangeht, so viel ausmacht, gerade auch mit Kindern. Manchmal ist das wirklich auch ein bisschen verrückt. Also bei mir ist das manchmal so, dass, wenn ich nur daran denke, dass ich gerade gerne etwas anderes machen würde, als mein Kind zu betreuen, dass dann die Sache schief läuft. Das schon alles gelaufen ist oder alles so schwer wird. Und, wenn ich mich darauf einlassen kann und einfach im Flow bin und sage: „Okay, das ist jetzt so und das machen wir jetzt und das schaffen wir!“, dann ist es eigentlich die gleiche Situation, aber sie ist nicht so schwer. Deshalb glaube ich auch, dass es richtig wertvoll sein kann, an seinen eigenen Anteil zu arbeiten und ein bisschen zu schauen: Mit welcher inneren Perspektive und welchen Gedanken gehe ich denn an Situationen heran.

Das stimmt. Es gibt eben Menschen, die dann sofort sagen: „Nee das geht alles nicht!“ Die dann sofort abwehren. Aber in der gleichen Situation würden andere sagen: „Das kriegen wir doch hin, selbst mit Schutzmasken und so weiter! Das schaffen wir, dass wir da trotzdem sehr zugewandt und den Kindern angepasst reagieren können.“

Wie bist du eigentlich selbst zur bedürfnisorientierten Pädagogik gekommen und was bedeutet das für dich?

Ich habe mich im Studium schon sehr viel mit Kindheitspädagogik auseinandergesetzt. Ich bin ja Kindheitspädagogin und habe dann auch einen Master in dem Bereich gemacht. Das heißt, ich habe mich fachlich schon ziemlich lange mit dem Thema auseinandergesetzt und ich habe Fortbildungen für Erzieher gegeben und habe auch im Qualitätsmanagement gearbeitet, also die Qualität in Kitas erhoben. Und ich habe fachlich schon vieles mitbekommen, was die Haltung und den Blick auf Kinder angeht. Und da muss man sagen: Die Fachlichkeit und die Wissenschaft, die sind eigentlich schon immer bedürfnisorientiert ausgerichtet.

Ja, das ist ja das Absurde.

Das ist das Absurde. Also eigentlich ist das schon immer das, woraufhin wir arbeiten. Ich arbeite auch als Dozentin in einer Erzieherinnenfachschule und auch dort ist immer das Ziel, eine Haltung bei den Schülerinnen zu entwickeln, die den Kindern gerecht wird, die die Kinder auch als kompetente Wesen wahrnimmt und so weiter. Deswegen ist Bedürfnisorientierung eigentlich etwas, was schon lange Zeit auch in der Wissenschaft Thema ist. Es wurde vielleicht nicht so benannt, da geht es dann um das individuelle Herangehen und so weiter. Allerdings gibt es sozusagen auf der konkreten Handlungsebene etwas, dass ich doch erst durch meinen Muttersein mitbekommen habe. Und das hat mir noch einmal sehr neue Impulse gegeben, was das alles mit mir selber macht. Ich habe mich dann zum Beispiel mit dem Thema „Entschuldigen“ ganz kleinteilig auseinandergesetzt: warum entschuldigen einfach Quatsch ist zum Beispiel.

Also du meinst, dass das man die Kinder auffordert sich zu entschuldigen?

Ja, und auch man selbst als Erwachsener muss sich nicht entschuldigen, weil entschuldigen immer was mit Schuld zu tun hat. Und das bedeutet ja: Man gibt jemandem die Schuld. In der Bedürfnisorientierung geht man immer davon aus, dass das Verhalten, das man zeigt, nur die Spitze des Eisbergs ist und dass das, was da darunter liegt, die Gefühle, die Impulse, die Bedürfnisse, das ist, was einen antreibt und was man teilweise gar nicht richtig kontrollieren kann, weil uns das Gehirn einen Streich spielt. Das heißt, jedes Verhalten, das wir zeigen, ist immer das Beste, das wir geben können. Das ist etwas, das ich gelernt habe als Mama, indem ich mich mit bedürfnisorientierten Büchern auseinandergesetzt habe. Und da bin ich auch sehr dankbar für, da habe ich noch einmal einen ganz anderen Blick bekommen.

Micha hat das auch in seinem Interview mit Claudia Hillmer gesagt, dass für ihn – er war ja auch fachlich im pädagogischen Bereich – der Moment, als er selber Vater geworden ist, alles verändert hat. Und bei mir selbst ist es auch so. Ich bin ja selbst auch Diplom-Pädagogin und man weiß dann so vieles schon in der Theorie. Aber, es ist schon ein bisschen merkwürdig: Wenn man dann selbst ein Kind hat, versteht man erst so richtig die ganze Tiefe des Ganzen.

Ja, und welche große Relevanz wir als Menschen haben – und unsere Persönlichkeit. Das war schon Thema im Studium, weil ich dankenswerterweise – ich bin sehr glücklich darüber – einen psychoanalytischen Schwerpunkt hatte. Da haben wir uns viel mit uns selbst auseinandergesetzt. Aber was Kinder bewirken, dass man sich noch mehr mit sich selbst auseinandersetzt und überlegt: „Warum reagiere ich denn jetzt in dem Moment so, obwohl ich eigentlich schon seit Jahren gelernt habe, dass es echt etwas ist, was man nicht machen sollte?“ Und das passiert mir ja auch, dass ich schreie und Ähnliches. Und das ist doch noch mal ein ganz spannender Prozess, der in dieser Form erst durch eigene Kinder möglich ist.

Ich finde das wirklich gut, dass du das jetzt gesagt hast, weil ich glaube, das ist auch wichtig für Eltern. Noch einmal zu hören: Ja, selbst wenn wir das studiert haben und da so viel Wissen angesammelt haben, arbeiten auch wieder jeden Tag daran und entwickeln uns immer weiter. Wir alle lernen jeden Tag dazu.

Auf jeden Fall! Und wenn ich einmal gehandelt habe, wie ich überhaupt nicht handeln will, was wirklich auch vorkommt, kann man mit dem Kind ins Gespräch gehen und sagen: „Ich bedauere das so, dass ich vorhin so reagiert habe!“ Entschuldigungen versuche ich zu vermeiden. Das schaffe ich auch nicht immer. Ich sage dann eben: „Ich bedauere das. Vorhin habe ich dich so angebrüllt.“ Und dann beschreibe ich das und sage in etwa: „Ich will gar nicht, dass wir so miteinander umgehen. Ich will eigentlich, dass ich mit dir freundlich umgehe. Und ich war so gestresst und ich konnte gerade echt nicht anders reagieren.“

Gleichzeitig glaube ich, dass das es auch dazu gehört und dass Kinder auch die ganze Bandbreite an Emotionen bei uns Eltern kennenlernen dürfen. Wenn du immer freundlich wärst, auch wenn du innerlich total angespannt bist und eigentlich schreien willst, wäre es auch nicht so toll. Es ist ja immer auch so ein bisschen die Frage: Wie sehr raste ich aus? Und wie häufig? Ist das eine Situation, die für das Kind dann beängstigend oder bedrückend ist oder hält sich das noch im Rahmen und ist insgesamt noch in einem gesunden Bereich? Und wie gehen wir danach damit um?

Genau. Und auch in dem Moment selbst, zum Beispiel: Ich werde super laut, wenn ich wütend bin und schreie: „Das kann doch nicht wahr sein!“ Das finde ich auch ganz wichtig: zu zeigen, dass wir eben auch das Gefühl „Wut“ haben und dass es eben nichts Verwerfliches ist. Schwierig wird es dann, wenn ich in dieser Wut das Kind demütige oder erniedrige.

Das denke ich auch.

Das ist auch wirklich ein Unterschied, ob ich von meinen Gefühlen spreche und sage: „Mann ey, das kann ja wohl nicht wahr sein! Ich bin so sauer, ich bin so wütend! Jetzt wollte ich das machen und jetzt ging das einfach nicht!“ Oder, ob ich sage: „Jetzt hast du schon wieder nicht das und das gemacht und deswegen bin ich jetzt so wütend!“

Ja. Wenn man dann das Kind beschimpft oder beschämt.

Oder sogar körperlich aggressiv wird. Das ist dann etwas, das nicht sein darf, weil das natürlich den Selbstwert des Kindes schmälert.

Mit deiner Seite und mit deinem Podcast richtest du dich ja hauptsächlich an Fachkräfte. Was kannst du jetzt aus dieser Perspektive wiederum Eltern mit auf den Weg geben im Blick auf die Betreuung ihrer eigenen Kinder?

Die Qualität einer Einrichtung misst sich fast ausschließlich daran, wie die Fachkraft ganz konkret mit den Kindern interagiert. Das heißt: Kann sie in der Interaktion feinfühlig auf das Kind eingehen? Kann sie die Emotionen wahrnehmen? Kann sie die richtig deuten? Zum Beispiel habe ich kürzlich folgendes in einer Einrichtung erlebt: Ein Kind war morgens ganz traurig und wollte nicht in die Einrichtung hinein. Die Mutter hat das Kind sehr geschoben und wollte es „loswerden“, nach dem Motto „Jetzt hab dich mal nicht so!“ Und die Fachkraft kam hinaus und hat dann gesagt: „Ach, du brauchst noch einen Moment. Okay, dann gehe ich wieder rein und du kommst, wenn du dann fertig bist.“ Und ich dachte nur: Das Kind braucht jetzt Unterstützung. Das sitzt da weinend und kann sich da gerade nicht selbst regulieren. Das heißt: Das Wichtigste ist, dass die Fachkräfte feinfühlig auf die Kinder eingehen und die Gefühle und Bedürfnisse gut wahrnehmen können. Dass sie ihre Sorgen, ihre Nöte, ihre Ängste und ihre Wut wertschätzen, annehmen und spiegeln können. Das ist das A und O und so etwas kann man natürlich vorher nicht sehen. Wenn man die Fachkraft vorher kennenlernen kann, gibt es natürlich auch so etwas wie Sympathie, also eine Sympathieebene. Das finde ich ganz wichtig, weil, wenn ich mit der Fachkraft keine Sympathie habe, dann merkt das das Kind, dass ich da irgendwie im inneren Konflikt bin. Das heißt, eigentlich kann ich nur sagen. Es ist es wichtig, dass die Fachkraft passt. Das Problem ist nur, dass das Eltern meistens nicht wählen können.

Das kriegt man am Anfang nicht so richtig heraus.

Genau, das kriegt man nicht heraus. Aber man kann auch in Einrichtungen fragen, ob man hospitieren darf. Und meistens ist das auch möglich und, wenn das nicht möglich ist, dann würde ich da schon mal die Finger von lassen. Weil es dann meistens so ist, dass man sich nicht auf die Finger schauen lassen möchte. Das würde ich mit Vorsicht genießen.

Für mich wäre es so ein No-Go-Kriterium, wenn im Vorgespräch solche Sätze fallen, wie: „Wenn Du noch stillst, dann still besser vorher ab oder gleichzeitig, während der Eingewöhnung, weil sonst die Eingewöhnung nicht funktioniert!“ So etwas wird ja manchmal behauptet, das ist aber fachlich falsch und weist für mich schon darauf hin, dass da irgendwas nicht stimmt, auch in der Fachlichkeit des Personals. Oder so etwas wie: „In zwei Wochen muss die Eingewöhnung abgelaufen sein! Wenn es länger dauert, dann sind die Eltern schuld!“ In diese Richtung. Oder, was ich auch schon gehört habe: „Sie sollten zu Hause das Kind weniger auf den Arm nehmen, damit es in der Einrichtung nicht so viel Nähe einfordert. Das können wir nicht leisten!“. Also solche Sachen, die in diese Richtung gehen. Ich habe auch schon massiv verunsicherte Eltern gesehen, die einfach wirklich nicht wissen: „Kann das denn sein?“ Das widerspricht das dem Gefühl der Eltern und die wissen einfach nicht: „Ist das denn sinnvoll oder nicht? Aber ich brauche ja die Betreuung und ich will ja die Betreuung! Okay, dann mache ich das mal!“ Und dann wird zu Hause auf einmal alles stressig. Das begünstigt vielleicht sogar eine Kampfbeziehung zu den Kindern. Also, wenn im Vorgespräch oder im Rahmen der anfänglichen Eingewöhnung solche Dinge genannt werden, dann ist das für mich ein absolutes Warnsignal!

Oder, wenn Kinder anfangen zu beißen und es dann heißt: „Zu Hause müsst ihr das in den Griff kriegen!“ Dabei ist das ein Zeichen, dass das Kind aufgrund der Situation in der Einrichtung zeigt, also ein Stresszeichen. Das sind genau solche Sätze, die ja zeigen, wenn die Fachkräfte keine Fachlichkeit haben und auch kein Feingefühl für die tatsächlichen Bedürfnisse und Gefühle der Kinder. Das sind Alarmzeichen, absolut, und das kann man dann im Vorgespräch vielleicht schon ein bisschen erahnen. Aber ich finde, es ist auch durchaus legitim, eine Eingewöhnung anzufangen und, wenn man dann merkt: „Das passt gar nicht! Das geht nicht, ich fühle mich so unwohl!“, damit abzubrechen.

Das denke ich auch. Manchmal ist es halt schwierig, je nach den Regelungen vor Ort. Dass man Hier in Frankfurt ist es so, dass man dann erst einmal gesperrt wird für eine Weile, bis man wieder in die nächste Einrichtung kann. Aber man darf da auch ein bisschen langfristiger denken: Nur, weil man das es irgendwie schafft, sein Kind irgendwo einzugewöhnen, heißt das nicht, dass das auch mittelfristig gut geht. Vielleicht weint das Kind dann nach einem halben Jahr unentwegt oder sträubt sich massiv, dort hinzugehen. Oder es gibt es dann Probleme mit ausagierendem Verhalten und dann holt einen der Konflikt wieder ein.

Genau, also da dürfen wir auf jeden Fall längerfristig im Sinne des Kindes denken und auch mit der Eingewöhnung, anfangen bevor man wieder arbeiten gehen muss. Da wirklich mehr Zeit einplanen, um wirklich entspannt in die Eingewöhnung reinzugehen! Weil, wenn ich immer denke „Gott, in zwei Wochen fange ich an zu arbeiten!“, dann bekommt das Kind nun einmal mit. Da sind dann auch die eigenen Gefühle, die man dann da so hat: innerer Stress, Sorgen und so weiter. Und dann kann das Kind sich auch nicht lösen. Das heißt: Schon frühzeitig viel Zeit einplanen für die Eingewöhnung! Und davon ausgehen, dass es noch länger dauert. Da dürfen wir als Eltern wirklich auch im Sinne des Kindes mehr Zeit einplanen.

Ja das sehe ich auch so. Ich bedanke mich noch mal ganz herzlich, auch im Namen von Micha, für dein Interview und die Zeit, die du uns geschenkt hast.

Ich danke Euch auch, es hat mir viel Spaß gemacht.


{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}
__CONFIG_group_edit__{}__CONFIG_group_edit__
__CONFIG_local_colors__{"colors":{"8f027":"Link Water","154d7":"Royal Blue","7ee21":"Bunker"},"gradients":{}}__CONFIG_local_colors__

Empfehlung für Dich

Wie kann bedürfnisorientierte Elternschaft gelingen?

Wie Du bestimmt beim Lesen unse­rer ande­ren Texte auf die­sem Blog oder beim Anhören unse­res Podcasts schon gemerkt hast, ver­tre­ten Michael und ich eine bestimmte Haltung Kindern sowie der Elternschaft gegen­über. Diese Haltung haben wir ...

Weiterlesen

Unsere neusten Blog-Artikel

Wie Du bestimmt beim Lesen unse­rer ande­ren Texte auf die­sem Blog oder beim Anhören unse­res Podcasts schon gemerkt hast, ver­tre­ten Michael und ...

Integrität ist eng mit Kooperation verbunden In unserem Artikel über kindliche Kooperation haben wir bereits festgestellt, dass Kinder eigentlich immer kooperieren. Und ...

>